Der achtsame Blick im Fokus

Fotokünstlerin und Friedenspreisträgerin Claudia Henzler spricht mit dem Rupertusblatt über den Zusammenhang von Fotografie, Achtsamkeit und Spiritualität.

RB: Ihre Bilder und Kurse zeugen von einem speziellen Zugang zur Fotografie. Wie sieht dieser aus?

Henzler: Das Besondere an meinen Workshops ist, dass es nicht typische Technikkurse sind. In vielen Kursen lernt man ja, wie die Kamera zu bedienen ist. Ich lenke den Blick auf die Wahrnehmung, deshalb heißt es bei mir „Schule der Achtsamkeit“. Für mich ist die Kamera ein Werkzeug, um sichtbar zu machen, was sonst unentdeckt bliebe.

RB: Wie funktioniert das genau?

Henzler: Es geht darum, sich in Achtsamkeit bewusst zu werden, was ist gerade da und worauf möchte ich mich konzentrieren. Wichtige Fragen dabei sind: Was siehst du, was nimmst du wahr? Welche Geschichte willst du erzählen? Ein Aha-Erlebnis für viele Kursteilnehmer ist, dass sie die freie Wahl haben, sich bewusst für den Fokus zu entscheiden. So sind meine Kurse einerseits hilfreich, um bessere Bilder zu machen, aber auch um ohne Kamera mehr vom Leben zu haben.

RB: „Achtsamkeit“ liegt im Trend. Was hat Sie in diese Richtung hin geprägt?

Henzler: Meine Mutter hat meine Spiritualität und Achtsamkeit seit frühester Kindheit geprägt. Die Sehnsucht nach Gottes Nähe hat sie uns, seit ich denken kann, ins Herz gepflanzt und mir bis heute mit auf den Weg gegeben. Auch die Offenheit gegenüber anderen Religionen und Kulturen hat sie uns vorgelebt. Auf das Wort Achtsamkeit bin ich erstmals 1996 in Indien gestoßen – durch den vietnamesischen Mönch und Friedenspreisträger Thích Nhat Hanh, der Achtsamkeit mit dem Atmen verbindet. Mein Zugang – mit und ohne Kamera – ist:„stop-look-click“: Halte inne, nimm wahr und wenn es innerlich „klick“ macht, fahre mit bewusstem Fokus in deinem Tun fort. Das verändert das Leben und die kreative Ausdrucksweise.

RB: Welche Rolle spielt Spiritualität in Ihren Kursen?

Henzler: Ich gestalte meine Kurse so, dass sie Fotografie, Philosophie und Lebenskunst umfassen. Es geht um Achtsamkeit, die religiös konnotiert sein kann, aber nicht muss. Ich möchte Menschen so begleiten und anregen, dass sie ihr kreatives Potenzial zum Vorschein bringen.

RB: Für Ihre künstlerischen Arbeiten sind sie schon mehrfach nominiert und ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem St.-Leopold-Friedenspreis für Ihr humanitäres Engagement in der Kunst. 2017 erhielten Sie den Preis „Per Artem ad Deum“ – eine hohe Auszeichnung des Vatikans. Ein Highlight? 

Henzler: Definitiv. Der Preis des Vatikans ist wirklich eine große Anerkennung. Dass ich auf einer Stufe mit Weltgrößen wie dem Komponisten Ennio Moricone und dem Architekten Mario Botta eingeordnet wurde, machte mich erstmal sprachlos. Die Nachricht über die Auszeichnung  kam genau zu einem Zeitpunkt, als ich mich erneut bewusst entschieden hatte, Gott und meiner Familie den ersten Platz zu geben, auch wenn dies bedeuten würde, dass sich mir dadurch im künstlerischen Umfeld einige Türen verschließen würden. Heute sehe ich die Medaille als Preis für das, was ich bereits geleistet habe und Bestärkung, weiter meinen Weg in diese Richtung zu gehen.

RB: Sie sind gebürtige Heidelbergerin, lebten bevor sie nach Salzburg kamen in Assisi und Jerusalem und haben bereits mehr als 50 Länder bereist. Inwiefern ist diese Internationalität in Ihrer Arbeit spürbar?

Henzler: Wofür ich am meisten bekannt bin, sind ausdrucksstarke Porträts und Fotodokumentationen, die vom Menschsein zeugen. Und zwar kulturen- und religionenübergreifend. Dabei handelt es sich zum Teil um Menschen und Situationen in Krisen und Katastrophengebieten, aber auch im scheinbar banalen Alltag. Meine Hoffnung ist, dass ich durch mein fotokünstlerisches Schaffen zu mehr Miteinander und Wertschätzung beitrage. Damit das Leben lebenswerter wird und wir Schönheit selbst da erkennen lernen, wo sie heimlich durchs Verborgene scheint.

Foto (Henzler/Reppnig): Claudia Henzler schult in ihren Foto-Kursen unter der Devise „stop-look-click“ die bewusste Wahrnehmung.