„Der Glaube ist wie ein sportliches Training“

Das Fußballfieber hat die Österreicherinnen und Österreicher voll im Griff. Kein Wunder, hat sich doch unser Team zum ersten Mal selber für die Europameisterschaft qualifiziert! In der Gruppenphase warten ab 14. Juni Ungarn, Portugal und Island auf die österreichische Mannschaft. Erzbischof Franz Lackner, echter Fußballfan, räumt ihr gute Chancen ein, in die Endrunde zu kommen und verrät, was Glaube mit Marathonlaufen zu tun hat.

Julia Wadl

RB: Fußballgott, ins Stadion pilgern, für den Sieg beten. Fußball und Religion haben neben der Sprache viele Gemeinsamkeiten. Aber was gibt die Religion doch mehr, was der Fußball nicht schafft?
Erzbischof Lackner: Ich finde, ganz generell ist Sport ein wunderbarer Partner für den Glauben. Das Interesse der Kirchen am Sport hat eine lange Tradition. Ein zusätzliches Interesse kommt aus dem christlichen Menschenbild, das auch im Sport die Grundlage für gegenseitigen Respekt, für Fairness und gelingendes Sozialverhalten bildet. Es geht um eine ganzheitliche Entfaltung des Menschseins. In diesem Miteinander können wir dem Wohl der Menschen dienen und an der Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaft mitwirken!

RB: Der Sport hatte von Seiten der Kirche nicht immer hohes Ansehen (Konkurrenz am Sonntag/Freizeit). Spätestens mit dem 2. Vatikanischen Konzil hat sich die Sicht geändert.
Erzbischof Lackner: Sport wird als Teil der Erziehung zur menschlichen Gesamtkultur gesehen. Er führt zum psychischen Gleichgewicht des Einzelnen und der Gesellschaft und verbindet in geschwisterlichen Beziehungen Menschen aller Lebensverhältnisse, Nationen oder Rassen.

RB: Was können sich Fans in dieser Weise von Spielern und Sport abschauen?
Erzbischof Lackner: Ich vertraue auf die belebende Allianz zwischen Sport und Glaube. Beide Bereiche können einander helfen, Einseitigkeiten und Verengungen auszugleichen. Das habe ich sehr intensiv beim Ankick zum Integrationsfußballturnier im letzten Jahr empfunden. Gemeinsam mit Marko Feingold, dem Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde – an seinem 102. Geburtstag – und dem Generalkonsul der Türkei, Gürsel Evren, da gab es keine Barrieren. 48 Mannschaften haben sich diesem Turnier gestellt.
Beim Sport geht es um Gemeinschaft, Teamfähigkeit, Fairness und Vertrauen. Der Sport fördert die Bewusstwerdung des eigenen Körpers, der Grenzen, an die man kommt. Man könnte es eigentlich mit dem Fasten vergleichen. Durch Training die Grenzen ausloten aber auch sich frei zu fühlen. Es geht darum, im Sport den Aspekt der Werte zu vertiefen.

RB: Und was kann Kirche von Sport lernen und umgekehrt?
Erzbischof Lackner: Lassen Sie es mich mit dem Marathonlaufen vergleichen. Die Menschen wollen oft „vom Stand weg“ an die Auferstehung glauben. Das ist unmöglich. Man muss in kleinen Dosen Dinge glauben lernen. Der Glaube ist wie ein Training. Ich kann nicht sofort die ganze Distanz laufen, kann nicht alle Antworten finden. Das Ganze und das Letzte stehen noch aus. Auch beim Marathon erlebt man das Ganze erst beim „Lauf der Läufe“. Wir tun den Menschen nichts Gutes, wenn wir vermitteln, Glaube ginge von selbst. Das geht nicht von selbst. Das ist Anstrengung. Damit meine ich aber nicht als eine moralische Leistung im Sinne von „Du darfst nicht“ und „Du musst“. Es ist wie bei einem Sportler, der gerne trainiert. Aber nicht der Bischof ist Trainer und schafft an, Sie selbst sind Trainer, jeder und jede für sich! Und gemeinsam, wie im Sport.

Dort setzt auch der Zukunftsprozess an, den wir am Pfingstmontag gestartet haben. Gib Gott in deinem Leben eine Chance, unter diesem Motto sollen in den nächsten beiden Jahren neue Schritte gesetzt werden, die Alltagstauglichkeit überdacht werden. Pfarren, kirchliche Einrichtungen, Gruppen und Einzelpersonen sind gleichermaßen eingeladen, sich in den Reformprozess, der geistliche und strukturelle Aspekte berücksichtigen soll, einzubringen. Übergeordnetes Ziel ist eine „zeitgemäße Verkündigung des Evangeliums“. Im Rahmen von „Zukunftsprojekten“ werden bis Herbst 2018 neue Seelsorge-Formate ausprobiert und bestehende Formate evaluiert. Konkret sind so genannte „HinHörProjekte“ geplant, bei denen auf allen Ebenen das Gespräch mit Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche gesucht wird. Auch um eine Bestandsaufnahme der personellen, finanziellen und materiellen Ressourcen der Erzdiözese geht es: „Was wollen und können wir uns leis-ten?“ Die Art, wie wir den Prozess angehen, soll widerspiegeln, dass dieser Prozess ein geistlicher ist. Rückhalt, Wertschätzung, Offenheit und Vertrauen prägen ihn. Wir müssen neue Wege finden, um die Menschen heute mit ihren Leiden, Sorgen und Freuden zu erreichen, denn viele fühlten sich von der Kirche nicht mehr verstanden. Fair und sportlich werden wir alle einbeziehen.

RB: Sie bezeichnen die Ministrantinnen und Ministranten häufig als „Champions League“ der Kirche. Können Sie das näher erklären?
Erzbischof Lackner: Ich habe einmal nach einem Champions-League-Finale über den Fußballhelden Neymar gepredigt. Er hat nach dem Sieg ein Stirnband umgebunden auf dem stand: „100% Jesus“. Nicht mit ein bisschen zufrieden sein, gerade im Glaubensleben. So erlebe ich die „Minis“. Ich spüre ihre Begeisterung für Gott, ihre Sensibilität für das Heilige, für den Kirchenraum. Mit diesem Team schaffen wir vieles.

RB: Mit den Anschlägen vor dem Pariser Stadion oder dem Boston Marathon hat Religion auch auf andere Art Bezug zum Sport bekommen. Wie soll man das einschätzen?
Erzbischof Lackner: Sportveranstaltungen sollen das bleiben dürfen, was sie in erster Linie sind: ein friedlicher Freiraum von politischen Konflikten und ein Gemeinschaftserlebnis. Leider sind Großereignisse gefährdet, durch Extremismus, unbegreiflichen Hass auf Andersdenkende. Das Verbindende des gemeinsamen Anspornens, des Wetteiferns wird zur Gefahr. Aber ziehen wir nicht die falschen Schlüsse. Der Papst hat bei der Verleihung des Karlpreises vor einem Europa, das sich verschanzt, gewarnt. Aber dafür muss auch gehandelt werden. Räume zu schützen ist nur eine vordergründige Lösung, es gilt Prozesse hervorzubringen. Wir werden den Frieden in der Welt, in unserer Umwelt nur wahren, wenn wir Mauern einreißen. Und da ist das Aufeinanderzugehen gerade im Sport ein Signal.

RB: Wieso ist die Österreichische Nationalmannschaft derzeit so gut? Wie schätzen Sie ihre Chancen bei der Europameisterschaft ein?
Erzbischof Lackner: Vielleicht weil sie als Team so gut zusammenwirken wie lange nicht mehr. Ein guter Trainer und Freude am Sport, das sieht man den jungen Burschen an. Ich hoffe schon, dass unsere Mannschaft in die nächste Runde kommt, da stehen die Chancen sicher nicht schlecht… Natürlich, wenn die Zeit es erlaubt, werde ich auch die Spiele anschauen. Eingetragen in den Kalender sind die Termine auf jeden Fall.

EB Franz Lackner, der seine Kindheit am Fußballplatz im südoststeirischen St. Anna am Aigen verbrachte, ist begeisterter Fußballfan und zahlendes Mitglied von SK Sturm Graz.