Der Papst und der Großimam

Dialog. Papst Franziskus empfing kürzlich Scheich Ahmed Mohammed al-Tayyeb, den Großimam der Al-Azhar-Universität von Kairo.

Vatikan. Papst Franziskus hat den Großimam der Kairoer Al-Azhar-Universität, Scheich Ahmed Mohammed al-Tayyeb, empfangen. Damit nahmen die katholische Kirche und ein führendes Lehrinstitut des sunnitischen Islam nach einer jahrelangen Krise wieder das Gespräch auf der Spitzenebene auf. Es ist der erste Besuch eines Großimams der Al-Azhar bei einem Papst.

Noch kurz zuvor hatte es zurückhaltend geheißen, eine Audienz sei „in Vorbereitung“. Eine persönliche Begegnung zwischen Franziskus und dem leitenden Geistlichen der Al-Azhar-Hochschule, die als internationale Autorität für den sunnitischen Islam gilt, schien bereits Mitte März möglich. Al-Tayyeb sprach am 15. März vor Bundestagsabgeordneten in Berlin und nahm anschließend an einer „Konferenz der Weltreligionen“ der Universität Münster teil. Für den 19. März war ein Besuch im Vatikan vorgesehen, der aber nicht stattfand.

Seit 1998 gab es einen regelmäßigen theologischen Austausch zwischen der Al-Azhar-Universität und dem Vatikan. Die Zusammenkünfte wurden Anfang 2011 von ägyptischer Seite abgebrochen. Grund waren Forderungen von Papst Benedikt XVI. (2005–2013) nach einem besseren Schutz für koptische Christen vor Terror und Gewalt. Mit dem Pontifikat von Franziskus verbesserten sich die Beziehungen zwischen Vatikan und der Al-Azhar-Universität wieder. Im Dezember 2013 hatten beide Einrichtungen auf Wissenschaftsebene wieder Gespräche aufgenommen.

Kernfrage der neu anknüpfen-den Gespräche müsste die Interpretation des Koran sein, sagte der ägyptische Jesuitenpater Samir Khalil Samir, Dozent für Islamwissenschaft am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom. „Eine wörtliche Interpretation gerade der Stellen, die über Gewalt sprechen, ist heute unmöglich. Die Universität al-Azhar lehnt eine wörtliche Koranauslegung komplett ab.“ Allerdings beriefen sich die Ideologen des „Islamischen Staates“ auf Imame und Rechtsgutachten, die solche wörtlichen Interpretationen nicht ausdrücklich ablehnten. 
kap

Scheich Ahmed Mohammed al-Tayyeb (l.) von der Al-Azhar-Universität in Kairo im Gespräch mit Papst Franziskus. Foto: KNA