Der Samen für ein gutes Leben geht auf

„Fleißige Hände“ nennt sich die Frauengruppe aus der Gemeinde Faria in Peru, die gemeinsam ihren Weg der Selbstbestimmung geht. 

Trujillo/Faria. Ein Gründungsmitglied ist Norma Leon Florian. Sie wurde in dem kleinen Dorf im Norden von Peru geboren und hat ihre 70 Lebensjahre hier verbracht. „Früher waren wir von den Männern abhängig. Es war nicht leicht.“ Sorgenlos ist ihr Alltag auch heute nicht, aber das Weben von Stoffen und der Verkauf ihrer selbstproduzierten Taschen bringt den Frauen ein regelmäßiges Einkommen und ein Stück Freiheit. Begonnen haben die Mitglieder mit ihrem Produktionsverein vor zehn Jahren. An ihrer Seite war Minka, die Entwicklungsorganisation von Francisco San Martín. Er hat in Salzburg studiert. Jetzt zeichnet ihn die Katholische Männerbewegung und ihre entwicklungspolitische Aktion SEI SO FREI mit dem Romero-Preis aus. 

Das kleine Wohnhaus der Vorsitzenden der „Fleißigen Hände“ ist Treffpunkt und bei einer Großproduktion auch Arbeitsstätte für die Frauen. Norma Leon Florian hat sich mit ihrem „mobilen“ Webplatz im Hof eingerichtet. Die bunten Wollfäden gleiten flink durch ihre Finger. „Ich webe seit ich fünfzehn bin, also eigentlich schon immer“, erzählt sie. Auf die Frage, ob ihr das Sitzen am Boden nicht Rückenschmerzen bereitet, antwortet sie lachend: „Nein, das ist bequem, ich bin es ja so gewöhnt.“ 

30 Frauen sind es, die sich unter dem Namen „Fleißige Hände“ zusammengetan haben. Sie fertigen ihre bunten Taschen und Rucksäcke für den peruanischen Markt und sind mittlerweile auf Messen in der Hauptstadt Lima vertreten. Das zweite Standbein ist die Zusammenarbeit mit einer internationalen Modekette, die in Faria produzieren lässt. Dieser Dauerauftrag ist den Frauen wichtig. „Wir sind mit Liebe bei der Arbeit“, beteuert Norma. Sie und ihre Kolleginnen achten darauf, dass die Qualität stimmt und dass sie die Lieferzeiten penibel einhalten. Sie wollen verlässliche Partnerinnen für die Firma sein, die ihnen ein Einkommen sichert. Es sei zwar nicht viel, was sie verdienen, erklärt Norma, doch der Lohn komme regelmäßig. Die Frauen sehen natürlich, zu welch hohem Preis die Designertaschen schließlich im Online-Shop des Modelabels landen und dass sie nur ein winziges Stück vom Kuchen erhalten. „Wir sind trotzdem zufrieden. In unserer Gegend ist es schwierig, einen Job zu finden.“ Auf rund 1.000 Soles im Monat kommt Norma Leon Florian, das liegt über dem Mindestlohn in Peru, der 850 Soles (rund 224 Euro) beträgt. 

Selbstbestimmtes Leben

Die vierfache Mutter und vielfache Großmutter verweist auch darauf, dass das selbst verdiente Geld den Frauen helfe, „sich aus dem Machismo zu befreien“. Trotz Fortschritten bei der Gleichberechtigung der Geschlechter sind Frauen in Peru benachteiligt, nicht zuletzt aufgrund festgefahrener Rollenbilder und der weit verbreiteten Machismus-Kultur.

Norma ist ein Vorbild – für die Frauen in ihrer Familie und in ihrem Dorf. Obwohl sie schon im Pensionsalter ist, kann sie sich keinen Ruhestand leisten. Es gebe schon eine staatliche Rente, „doch da fallen viele durch den Rost“, schildert sie. Ein großer Teil der Menschen in Peru ist im „informellen Sektor“ beschäftigt, das heißt sie arbeiten ohne jegliche soziale oder arbeitsrechtliche Absicherung.  

Bio brachte den Wandel

José Rodriguez ist ein stolzer Bauer. Seine Augen leuchten, wenn er Besucher seine Felder zeigen und von der unvergleichlichen Süße der Früchte schwärmen kann. José ist Erdbeerbauer in Menocucho wie schon sein Vater. „Er wurde einmal als bester Erdbeerbauer im Bundesland ausgezeichnet. Von ihm habe ich viel gelernt.“ Doch eines hat der Kleinbauer nicht von seinem Vater übernommen: Dieser hat noch konventionelle Landwirtschaft betrieben. Sein Sohn setzt auf biologischen Anbau so wie bereits 15 weitere Bauern in seinem Dorf. „Als wir begonnen haben, stellte niemand den Einsatz von Chemie infrage. Es war schwierig dieses Denken zu verändern. Viele sagten zu uns Bio-Bauern: ,Ihr verschwendet bloß eure Zeit.‘ Doch das Blatt hat sich gewendet. Jetzt sehen sie unseren Erfolg und wollen sich uns anschließen“, berichtet der 36-Jährige. Er zählt die Vorteile von Bio auf und spricht über den Wandel, der mit Minka kam. Die Kooperation mit der Entwicklungsorganisation brachte Know-how beim Anbau, Düngen, Bewässern und ein Gewächshaus. Hier ziehen sie nun die Pflanzen für den eigenen Bedarf und verkaufen sie an 60 weitere Bauern. Minka eröffnete außerdem neue Absatzmöglichkeiten wie den Bio-Supermarkt „frutas selecta“ in Trujillo und damit einen geregelten Verkauf zu fairen Bedingungen. „Vorher waren wir von Zwischenhändlern und dem Preis am Weltmarkt abhängig – das war Risiko-Landwirtschaft, mal ging es gut, mal schlecht.“ José Rodriguez träumt davon, dass das ganze Tal auf biologisch umstellt und sie eine eigene Marke etablieren.   

Ständige Weiterentwicklung

„Wir hoffen auf einen Bio-Boom“, sagt William Siapo, Landwirtschaftsexperte bei Minka. Noch sei es freilich nicht soweit. Der Anteil von Bio-Landwirtschaft betrage nur fünf Prozent im Land und davon gehen 95 Prozent in den Export. „Peru ist bei Bio Schlusslicht in Südamerika. Chile ist schon bei 30 Prozent und Kolumbien bei 20 Prozent“, weiß der Agrarwissenschafter, den solche Zahlen anspornen und der verspricht: „Minka bleibt dran und schaut ständig, wo es Möglichkeiten der Weiterentwicklung gibt.“ Gerade sei er auf der Suche nach einer hitzeresistenteren Erdbeersorte, die es Rodriguez und den anderen ermöglicht, auch in den heißen Sommermonaten anzupflanzen. 

Das Bewusstsein für gesunde Ernährung zu stärken ist William ein großes Anliegen. „Deshalb sind wir auf den wöchentlichen Märkten und bieten die Bio-Früchte und das Bio-Gemüse an.“ Sein Herz geht auf, wenn er dann diese Frage hört: „Und wo bekomme ich das morgen?“ Dann weiß William Siapo: Minka und seine Bio-Bauern sind auf dem richtigen Weg. 

 

Hintergrund: Peru – Land der Kontraste

Peru ist ein Land der Vielfalt und Kontraste, mit alten Hochkulturen, einer Pazifikküste und Regenland sowie faszinierenden Berglandschaften. Das Land ist knapp viermal so groß wie Deutschland, hat aber nur 30 Millionen Einwohner. Rund 85 Prozent der Bevölkerung sind katholisch. Die positive Wirtschaftsentwicklung geht laut Romero-Preisträger Francisco San Martín mit zu geringen sozialen Fortschritten einher.  

Andreas Rendl ist Österreichs Botschafter in Peru. Er unterstreicht das enorme Potenzial, das er im Land sieht. Rendl verschweigt gleichzeitig nicht die Herausforderungen wie Bildung. „Eine weitere zentrale Aufgabe ist es, von traditionellen Wirtschaftszweigen wie dem Bergbau etwas wegzugehen.“ Er nennt die Förderung des Tourismus – „Peru hat neben den Inkas einiges zu bieten“. Rendl gibt auch das Stichwort Korruption und beschreibt das schlechte Verhältnis von Volk und politischer Klasse. Doch zusammenfassend sei Peru „gut unterwegs“, so die diplomatische Einschätzung Rendls, der Peru bald verlässt. Er betont die stabile demokratische Entwicklung und die damit verbundene Rechtssicherheit. „Aber Peru muss mit seinen Ressourcen gut umgehen“, formuliert der scheidende Botschafter zum Abschied noch eine „Mahnung“. 

 

Fotos (RB/ibu): José Rodriguez aus Menocucho ist mit Leib und Seele Erdbeerbauer. Dank der Umstellung auf Bio-Landwirtschaft hat sich sein Einkommen stabilisiert. „Gesünder ist es außerdem. Wir essen unsere Früchte selber und uns schmeckt es.“