Des Volkes Stimme – fromm und frech

Der Fasching ist so ein Ventil, mit dem unsere Altvorderen gerne etwas Druck abgelassen haben.

Salzburg. Dem Schriftsteller Lorenz Hübner fiel bei seinen Reisen (18. Jahrhundert) im Flachgau auf: „Wenn sich etwas Lächerliches auf dem Land zuträgt, werden wohl auch lange Lieder gemacht.“ Aber nicht unbedingt bösartige. Wie auch die Strobler „ihre Oberen duzen, wenn sie es besonders gut meinen“. Das traditionelle „Gasselgehen“ bot ebenfalls Ge-legenheit, sich über knickerische Nachbarn oder spröde „Weibsbilder“ lustig zu machen; alles vor dem Kammerfenster der Angebeteten: „unter allerlei Ge-zische mit der Zunge oder auch Schnalzer“. Scherzworte, Komplimente, aber „auch beißende Satyre“: „Schaust ja grean und gelb außa, ma siachts ja von fern, gehst im dunklbraun Glanz, wia a Kuastallatern.“ 

Gar nicht so selten suchten wandernde Bänkelsänger in den Wirtshäusern Gehör, wobei der berüchtigte Jörg Haider – er hieß wirklich so! – die Nachsicht der Obrigkeit mit seinen Versen schon auf eine harte Probe stellte: „Ihr geistlichen Potentaten/ Gedenkt der armen Gmain/Ihr Bischof und Prelaten/Laßt euchs ein Warnung sein/Lasset aus euren Henden/ allhie auf dieser Erd/das weltliche Regimente/und braucht das geistlich Schweert!“

Gegen die Stadtväter

Natürlich blieben auch die Stadtväter von hämischen Zurufen nicht verschont. Als die  Stadt von Erzbischof Hieronymus gezwungen wurde, den Theaterbau aus eigenem Säckel zu berappen, trat der damalige Bürgermeister Ignaz von Weiser aus Protest 1775 zurück.

Ein Nachfolger findet sich bekanntlich immer. Und so wählten die elf Stadträte den Kaufmann Johann Peter Metzger. Öffentlicher Kommentar: „Elf Ochsen brauchen einen Metzger.“ Missmut erregte auch die Versetzung der beliebten Statue des hl. Michael in die Linzergasse, als man 1842 auf dem heutigen  Mozartplatz dessen Standbild situieren wollte. Wiederum war ein Reim die Folge:  „Michl marschier, der Mozart ist hier, geh’ umi übers Wasser, wasch’ dem Gabler seine Fasser.“ Das Fähnlein der Meinungsfreiheit in Wort und Schrift hängt in einem geistlichen Fürstentum naturgemäß nicht auf dem höchsten Kirchturm. Zensur beherrschte Redaktionen, Hörsäle und Stammtische. An den Faschingstagen könnte die Schwelle vielleicht etwas gesenkt worden sein.

Sprüche über die Geistlichkeit

Erzbischof Colloredo, der sich sonst sehr für Toleranz aussprach, ließ einen Verleger einsperren, der in einem anonymen Buch die Universität als „größte Windbeuteley“ verunglimpfte. (Der Autor war übrigens ausgerechnet der Priesterhausregens.) „Unser Fürst Colloredo hat weder Gloria noch Credo“, stand eines
Morgens auf den Dombögen. Der aufklärerische Reformer hatte ja bekanntlich viele religiöse Bräuche abgeschafft (Wallfahrten, Palmesel, Krippen). So „schmückte“ ein Aufmüpfiger einen streunenden Hund mit einer Tafel: „Pudl wo laufst um? Z’Salzburg im Luthertum.“ Als Colloredo 1772 erst im fünften Wahlgang gewählt worden war, hatte es geheißen: „Weiber, Wein und d’Nacht haben unsern Fürsten g’macht.“ 

Mehr Sympathien erfuhr der Raitenauer, den das Volk (wie sich herausstellte mit Recht) gewarnt hatte: „Wolf Dietrich hüt dich! Marc Sittich sticht dich.“ Maskentragen war im Erzstift verpönt, sodass „Faschingsnarren“ öfter einmal in die liberalere Propstei Berchtesgaden ausweichen mussten.

Hans Spatzenegger

Foto: Das Germaul ist ein Masken-Wasserautomat bei den Wasserspielen im Schloss Hellbrunn. Er rollt in regelmäßigen Abständen seine Augen und streckt die Zunge heraus. Machte sich der Erbauer Markus Sittikus so über seine Gäste lustig?

Foto: RB/Schlossverwaltung Hellbrunn, Sulzer