"Dialog tut uns gut"

Begegnung. „Es ist wichtig, dass wir einander kennen lernen und den Dialog nicht nur am Papier führen, sondern in der Begegnung“, betonte Professor Gmainer-Pranzl, Leiter des Zent-rums Theologie Interkulturell und Studium der Religionen, das zum „Empfang der Religionen“ an der Universität geladen hatte. Frauen und Männer unterschiedlicher  Religionsgemeinschaften in Salzburg waren gekommen: Um gemeinsam zu beten und sich auszutauschen und mehr über die Religion der Schiiten zu erfahren. 

Salzburg. Jedes Jahr richtet der „Empfang der Religionen“ seinen Blick auf eine andere Religion. Heuer waren die Schiiten im Mittelpunkt. Deshalb eröffnete auch Imam Ziya Gök, schiitischer Imam in Salzburg, das religionsverbindende Gebet in der Kollegienkirche, das traditionell am Beginn des Abends steht. Vertreterinnen und Vertreter des Hinduismus, Buddhismus, Judentums, Chris-tentums, Islams und der Baha’i sprachen anschließend Gebete und legten jeweils ein Symbol ihrer Religion in die Mitte. 

Nach dem gemeinsamen Beten im Zeichen des Friedens und der Verständigung  und einem Ortswechsel an die Theologische Fakultät unterstrich Generalvikar Roland Rasser: „Der erste Reflex auf das Fremde ist es, genug Abstand zu halten. Doch das erschwert das Zusammenleben.“ Damit Fremdheit in Vertrautwerden übergehen könne, brauche es Begegnung. Der „Empfang der Religionen“ stelle den Raum für diese Begegnung zur Verfügung.  In dieselbe Kerbe schlugen auch die weiteren Grußworte, die unter anderem von Landtagsabgeordneter Kimbi Humer-Vogl kamen, die den interreligiösen Dialog als ein „großes Anliegen“ bezeichnete. Ihre Empfehlung für den Alltag: „Bleiben wir im Gespräch – das tut uns allen und unserer Gesellschaft gut.“      

Rund 180.000 Schiiten in Österreich 

Der Islam hat seit seiner Entstehung verschiedene Strömungen hervorgebracht. Schon wenige Jahre nach dem Tod des Religionsstifters Mohammed im Jahr 632 kam es zur ersten Spaltung der Gemeinschaft der Muslime in Sunniten und Schiiten. Auslöser war eine Auseinandersetzung um die Nachfolge des Propheten. Die große Mehrheit der Muslime weltweit und auch in Österreich gehört zur Richtung der Sunniten. 

In einer aktuellen Schätzung des Integrationsfonds leben rund 700.000 Menschen in Österreich, die sich zum islamischen Glauben bekennen. Das sind gut acht Prozent der Bevölkerung. Rund 85 Prozent sind Sunniten, die übrigen Aleviten oder Schiiten. Dr. Mohammad Keiarishi, iranischer Diplomat, gab beim „Empfang der Religionen“ einen kurzen Einblick in die Entwicklung der Schiiten in Österreich. „Derzeit sind es gut 180.000; früher bildeten die Iraner die Mehrheit. Doch mit den jüngsten Fluchtbewegungen hat sich das  geändert, es kamen immer mehr Afghanen und Iraker“, so Keiarishi, der  auf die schwierige Situation vieler Flüchtlinge verwies. „Terrororganisationen wie der IS haben sie vertrieben. Sie sind traumatisiert. In ihre Heimat können sie nicht mehr zurück. Aber: Wo gehören sie hin? Was sollen sie machen?“ Die Moscheen in Wien seien voll – „die Menschen brauchen einen Platz, wo sie sich von ganzem Herzen ausweinen können.“

Dr. Katrin Brezansky-Günes ist islamische Theologin, Kultur- und Sozialanthropologin sowie Mitbegründerin des Safinah-Verlags in Wien. Sie beschrieb in ihrem Festvortrag den schiitisch-islamischen Zugang zur Theologie: „Als Erstes müssen wir dazu die Position der Vernunft aus dieser Perspektive begreifen.“ In einer bekannten Überlieferung der Prophetenfamilie heißt es, „wahrlich, Gott hat zwei Beweise über die Menschen“. Der äußere Beweis seien die Propheten, Gesandten und Imame und der innere Beweis die Vernunft. „Der Gebrauch der Vernunft stellt eine Bedingung der Religion dar.“ Nach Wissen zu streben sei Pflicht für jeden Muslim, Mann oder Frau. Brezansky-Günes unterstrich auch, dass die Menschheit heute mehr denn je einen klaren Verstand, Weisheit und Intelligenz einerseits und die göttliche Botschaft andererseits benötige.      

Dialog als Gemeinschaftsanliegen

Der „Empfang der Religionen“ ist eine Kooperation der Universität Salzburg mit der Erzdiözese Salzburg, dem Afro-Asiatischen Institut Salzburg, der Diözesankommission für den interreligiösen und interkulturellen Dialog (DKID), dem Katholischen AkademikerInnenverband (KAV) und dem Institut für Religionspädagogische Bildung Salzburg der Privaten Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Edith Stein. 

Fotos (ibu): Die Schiiten standen heuer im Mittelpunkt: Imam Ziya Gök eröffnete das religionsverbindende Gebet in der Kollegienkirche, das der Arbeitskreis Interreligiöser Dialog vorbereitet hatte.

Festrednerin beim „Empfang der Religionen“: Katrin Masume Brezansky-Günes.