Die ersten Wirkstätten Jesu

Galiläa im heutigen Nordisrael gilt als erster Wirkungsbereich Jesu, bevor er gegen Ende seines Lebens nach Jerusalem zog, um seine Bestimmung zu erfüllen. Heute wandeln dort Pilger auf seinen Spuren – von Jahr zu Jahr mehr.

Israel. Golden streichen die letzten Sonnenstrahlen über die Weizenfelder, die am Fuß der Anhöhe im Abendwind wogen. In der Ferne liegt still der See Genezareth. Nichts erinnert mehr an die dutzenden Touristenbusse, die hier tagsüber über die Straßen rumpeln. In dieser Beschaulichkeit fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, dass sich Jesus mit seinen Jüngern hierher, an den Nordrand des Sees, zurückgezogen hat, um ihnen die Tora neu auszulegen – der Grundpfeiler einer neuen Lehre. Die Kirche der Seligpreisungen, ein Bau von 1937 aus schwarzem Basalt und weißem Kalkgestein, erinnert daran. In dieser Abgeschiedenheit finden Pilger eine idyllische Kulisse, um über die entsprechenden Verse der Bergpredigt nachzusinnen.

Pilger auf den Spuren Jesu

Israel ist bei Touristen beliebt wie nie. Zwischen Jänner und Februar 2018 besuchte mehr als eine halbe Million das Heilige Land, 25 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Beinahe ein Viertel aller Israelreisenden sind Pilger. Sie wandern auf Jesu Spuren, immer öfter auch zu Fuß. „Jesus ist nicht im Bus gereist, sondern marschiert“, betont David Landis, der Mann hinter dem Jesus-Trail durch Galiläa. Aus bestehenden Pfaden und Feldwegen machte er einen reizvollen Wanderweg, der die Stationen des Evangeliums miteinander verbindet, ausgehend von Nazareth, dem abgelegenen Bergdorf, in dem Jesus aufgewachsen ist. Die 65 Kilometer lange Strecke führt über Kanaa, Schauplatz des ersten Wunders Jesu, nach Kafarnaum. Es geht über Stock und Stein, Hügel hinauf und hinunter, durch kleine Bäche, über Weiden. Auf dem Weg liegt Tabor, den Berg mit der Basilika der Verklärung, Tabgha, der Ort der Brotvermehrung, und eben auch der Berg der Seligpreisungen.

Im Fischerdorf Kafarnaum, wo sich Jesus nach der Verhaftung des Johannes niederließ, endet die Tour. In Kafarnaum begegnete Jesus dem Simon, genannt Petrus, und dessen Bruder Andreas, zwei Fischern, die er zu „Menschenfischern“ machte (Mt 4, 19). Hier, am See Genezareth, ging er der Bibel nach über das Wasser, stillte einen Sturm, verköstigte die 5.000 mit fünf Broten und zwei Fischen. Überall dort, wo Jesus wirkte, stehen heute Kirchen und Gedenkstätten.

1.000 Jahre war der Ort vergessen, bis er 1838 vom amerikanischen Archäologen und Massada-Entdecker Edward Robinson wiedergefunden wurde. Zur Zeit Jesu war Kafarnaum römische Grenzgarnison und ein lebendiger Fischerort an der Verbindungsstraße zwischen Damaskus und Beit She‘an, dabei nicht zu nahe an der Hauptstadt Tiberias, wo Herodes Antipas residierte.  „Aufgrund dieser Gegebenheiten“, sagt Stanislao Lofreda, Archäologe in Kafarnaum, „war es Jesus möglich, seine Botschaften unter vielen zu verbreiten, ohne sofort in Konflikt mit politischen und religiösen Oberhäuptern zu kommen – bevor er dann genau das tat, als er ins 170 Kilometer entfernte Jerusalem einzog.“ Davon aber haben wir in den vergangenen Tagen ausführlich gehört.

Fotos (sab): Eine Stätte der besonderen Art ist der Jordan, der vom See Genezareth als Grenzfluss zwischen Jordanien und Israel nach Süden fließt, oft als klägliches Rinnsal, bevor er nach über 250 Kilometern ins Tote Meer mündet. Ein unüberwindbarer, reißender Grenzfluss war der Jordan, in dem sich Jesus von Johannes taufen ließ, auch zu biblischer Zeit nicht, doch Klimawandel und Bevölkerungswachstum und die damit verbundene intensivere Landwirtschaft haben ihre Spuren hinterlassen.

Für Pilger darf ein Abstecher dorthin aber nicht fehlen: Sie können hier ihr Taufversprechen erneuern. Es genügt, die Bibelworte zu lesen und anschließend im heiligen Fluss unterzutauchen. Ein bewegendes Erlebnis, für das viele tausende Kilometer reisen.