Die Frage nach dem Lebensraum

In Salzburg erörtern noch bis Freitag kompetente ReferentInnen bei der 67. Internationalen Pädagogischen Werktagung alles rund um das Thema „Lebensräume“. Emmanuel J. Bauer, Universitätsprofessor für Philosophie an der Katholisch-Theologischen Fakultät Salzburg und Psychotherapeut (Existenzanalyse), hat mit dem Rupertusblatt im Vorfeld über seinen Zugang zu diesem Thema gesprochen.  

 

 

RB: Was sind für Sie Lebensräume?

Emmanuel J. Bauer: Der moderne Mensch erfüllt verschiedene Rollen und bewegt sich in unterschiedlichen gesellschaftlichen Umgebungen, beruflichen etwa oder familiären. Es gibt also verschiedene Räume, die zu Lebensräumen werden sollen. Ein Lebensraum ist nicht nur Freizeit. Wichtig dabei ist: Damit aus einem Aufenthaltsbereich ein Lebensraum wird, braucht es einen Raum der Freiheit. Freiheit bedeutet: Das, was ich tue, muss auf meiner persönlichen Entscheidung beruhen.
RB: Was stellt sich dem Lebensraum in den Weg, was begünstigt ihn?

Bauer: Ein Problem, das sich hier stellen kann, ist, dass uns das Leben lebt. Und es so zum Dahinvegetieren kommt. Das passiert, wenn wir nicht fragen, wozu wir da sind. Eine andere Form des Dahinvegetierens entsteht durch übertriebenes Pflichtbewusstsein. Dieses kommt oft durch die Erziehung. Das waren Punkte, die  gegen einen Lebensraum sprechen. Es gibt drei Punkte, die im Zusammenhang mit dem Lebensraum wichtig sind: Zum Ersten braucht der Mensch einen konkreten Ort. Jeder Mensch braucht ein Zuhause, damit er von dort aus in die Welt hinausgehen kann. Zum Zweiten, Raum kann nur entstehen, wenn der Einzelne mit den anderen oder den anderem in dialogischem Austausch steht. Zum Dritten, erst wenn ich eine Entscheidung treffe, schaffe ich Raum. Lebe ich einfach dahin, kann man sich das wie eine gerade, platte Linie vorstellen. Baue ich hingegen – gedanklich – ein Zelt auf, so entsteht Raum, in welchem Platz für Freiheit ist.
RB: Warum ist es für den Menschen wichtig sich mit Lebensräumen auseinander zu setzen, beziehungsweise danach zu fragen, ob es in ihrem Leben welche gibt?

Bauer:  Orte sind für den Menschen nicht immer Lebensräume. Wenn der Mensch merkt, dass er sich in einem Hamsterrad bewegt oder es ihm nicht gut geht, er also in einem nicht lebendigen Raum ist, dann muss er überlegen warum das so sein könnte. Durch eine Entscheidung kann er einen neuen Ort zu seinem Lebensraum machen, sodass es ihm wieder gut geht.
RB: Erklären Sie bitte anhand eines Beispiels, wie man Lebensräume entdecken, gestalten und teilen kann?
Bauer: Ich wähle das Beispiel Beruf. Wenn ich in einem Umfeld arbeite, in dem es mir nicht gut geht, ich mich nicht entfalten kann und verärgert oder unausgeglichen bin, sollte ich versuchen zu erkennen, woran das liegt. Wenn ich zur Erkenntnis komme, dass diese Arbeit nicht das meine ist, nicht meiner innersten „Berufung“ entspricht, und dann entscheide, den Beruf oder Arbeitsplatz zu wechseln, beginne ich, meine Zukunft neu zu gestalten. Im neuen beruflichen Umfeld kann ich den neu gewonnenen Lebensraum dann mit dem neuen Umfeld  teilen.
RB: In Ihrem Vortrag „Lebendig im Raum der Freiheit und der Beziehung“ geht es um die Unterschiede menschlichen Lebens und dem bloßen Dahinvegetieren. Was ist der Unterschied?
Bauer: Wenn man nach Stimulus-Response lebt, dann vegetiert man dahin, beziehungsweise lässt sich treiben.  Als Person existiere ich durch freie Entscheidung und Beziehung.

RB: Sie sprechen in Ihrem Vortrag den intimen „Raum Gottes“ als wichtigen Schlüssel zum Leben an, warum?

Bauer:  Nur wenn man ganz bei sich ist, hat man die Möglichkeit Gott zu begegnen. In diesem inneren Ort kann ich Situationen zudem distanziert betrachten. Ich werde erkennen, dass der Zorn oder die Angst, die ich manchmal fühle, nicht ich bin, sondern dass ich sie habe. Ich selbst bin mehr als diese Angst.

 

Foto: tru. Bildunterschrift:Emmanuel J. Bauer spricht in seinem Vortrag unter anderem über den Unterschied zwischen dem bloßen Dahinvegetieren und dem menschlichen Leben.