"Die gesamte Gesellschaft stand auf der Kippe"

Im Rupertusblatt-Interview spricht der Kirchenhistoriker Roland Cerny-Werner über Endzeiterwartungen und Sittenverfall in Zeiten von Seuchen

 

RB: Wie haben Christen im Mittelalter Seuchen bewertet? Als Zeichen der Endzeit?

Cerny-Werner: Ja, aber auch als Strafe Gottes. Der Grund für die Seuchen wurde im religiösen Kontext verortet. Die Auseinandersetzung mit dem Thema fand auf Ebene der Symptomatik statt. Man ergründete nicht die Ursache – die ist im mittelalterlichen Denken klar Strafe für schlechtes Verhalten. Die Gesellschaft war eine hoch religiösisierte. Der Gottbezug stand unhinterfragt und absolut.


RB: Wann hat sich diese Sicht geändert?

Cerny-Werner: Mit der Aufklärung. Das ist ein Phänomen der Neuzeit.


RB: Das Mittelalter dauerte rund 1000 Jahre, eine lange Zeit. Trotzdem denkt man bei Seuchen meist nur an die Pest.

Cerny-Werner: Bei manchen Quellen sind wir uns nicht ganz sicher, über welche Krankheit da geschrieben wird. Bei der gro- ßen Pestwelle im 14. Jahrhundert sehen wir, dass diese Krankheit noch relativ unbekannt war. Europa verlor ein Drittel seiner Bevölkerung. Die Gesamtgesellschaft stand auf der Kippe. Das brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein.

RB: Welche Seuchen gab es noch?

Cerny-Werner: Es gab eine Vielzahl an Infektionskrankheiten, bakterielle und virale. Das Antoniusfeuer, eine Pilzerkrankung, hat sich über Roggenbrot verbreitet. Das betraf weite Teile der Bevölkerung. Auch Syphilis und andere Infektionskrankheiten waren präsent. Bis zur zweiten großen Pestwelle war nicht immer klar: Ist das jetzt die Pest oder eine andere Krankheit? Aber insgesamt galt: Krankheit ist Alltag.


RB: Diese hohe Aufmerksamkeit, die wir jetzt bei Corona haben, hätte es damals also nicht gegeben?

Cerny-Werner: Es gab durchaus Aufmerksamkeit, aber die Aufregungsschwelle war wesentlich höher. Sterben gehörte einfach dazu.


RB: Wäre Corona überhaupt aufgefallen?

Cerny-Werner: Mit der Sterblichkeitsrate von maximal drei Prozent vermutlich nicht. Übrigens war die Idee von Pandemie nicht existent. Kaum jemand hatte eine Vorstellung, was die Welt war und wie groß sie war. In Klöstern und Kathedralschulen gab es genaue Beobachtung und Aufzeichnung von Krankheiten, aber diese mussten dann schon sehr auffällig sein. Zum Beispiel die Justinianische Pest zu Beginn des Mittelalters oder der Schwarze Tod im 14. Jahrhundert.


RB: Die Pest ist ja immer wieder verschwunden und neu aufgetaucht.

Cerny-Werner: Sie hat sich zu einer Endemie entwickelt. Das heißt: regional beschränkt, aber immer wieder. Heute ist beispielsweise Malaria eine Endemie.


RB: Wie haben die Menschen damals reagiert? Hamsterkäufe gab es noch nicht.

Cerny-Werner: Der allergrößte Teil der Bevölkerung hat von der Hand im Mund gelebt. Die Vorratshaltung waren die Ziege, das Schwein und die Kuh im Stall. Große Vorsorge war den meisten Menschen nicht möglich.


RB: Ist dann das Gegenteil passiert? Noch schnell alles wegtrinken und -essen, da die Endzeit sowieso naht?

Cerny-Werner: So etwas wie einen Sittenverfall und Ausschweifungen hat es immer wieder gegeben, etwa nach der großen Pest 1348. Aber auch wieder nur regional.


RB: Waren alle Menschen von der Pest betroffen?

Cerny-Werner: Im Grunde ja, aber es gab Personengruppen, die es weniger traf.


RB: Das Thema Quarantäne ist momentan in aller Munde. Gab es so etwas früher auch?
Cerny-Werner: Die Frage, die sich diesbezüglich stellt: Wer konnte sich absondern? Die einfache Stadtbevölkerung konnte sich in der Regel keine Vorräte kaufen und daheim bleiben. Menschen, die Mittel hatten – der Fürsterzbischof, Adelige, große Handelsfamilien – haben sich entweder abgeschottet oder sind geflohen.

RB: Wohin zum Beispiel?

Cerny-Werner: Der Fürsterzbischof hatte die Möglichkeit, auf einen seiner abgelegeneren Sitze zu fliehen. Die Stadtbevölkerung hingegen hatte in den seltensten Fällen Landhäuser. Diese waren nachweislich sicherer vor Seuchen.


RB: Welche Strategien zur Krankheitsbewältigung gab es noch?

Cerny-Werner: Bei Lepra gab es einen drastischen Ausschluss aus der Gesellschaft, auch weil die Krankheit als Strafe Gottes gesehen wurde. Die Kranken wurden aus der Stadt und den sozialen Verbünden ausgesondert und sich selbst überlassen. Das führte dazu, dass sich Betroffene versteckten und nicht preisgaben, dass sie krank waren.


RB: Gab es auch Strategien zur Bekämpfung der Krankheiten an sich?

Cerny-Werner: In der Regel wusste man nicht, was man dagegen machen sollte. Trotzdem gab es Maßnahmen wie Aderlässe oder Versuche chirurgischer Eingriffe bei der Beulenpest.

 

RB: Erfolgreich?

Cerny-Werner: Sie können sich vorstellen, was passiert, wenn man solche Beulen aufschneidet. Das war in der Regel eher kontraproduktiv. Klostermedizin mit Kräutern und Ruhe war hingegen immer wieder von Erfolg gekrönt.


RB: Hat Hygiene eine Rolle gespielt?

Cerny-Werner: Erst später. Es existierte der Gedanke, dass Luftreinheit etwas mit der Verbreitung von Krankheiten zu tun haben könnte. In einigen alten Quellen gibt es sogar die Vermutung, dass Ratten mit der Pest in Verbindung stehen. Das wurde allerdings erst sehr spät systematisch erkannt. Krankheiten verändern sich auch mit Lebensbedingungen. Mit dem Übergang zu Steinbauten waren die Behausungen plötzlich hygienischer. Das hat zur Eindämmung beigetragen.


RB: In der aktuellen Krise zeigt sich die Gesellschaft vermehrt solidarisch. War das in der mittelalterlichen Gesellschaft auch so?

Cerny-Werner: Es gab sicher solidarische Momente, aber flächendeckend ging das nicht. Die meisten Menschen waren nicht dazu in der Lage, noch andere mitzutragen, sondern kämpften um das eigene Überleben. In Klöstern hingegen wurde Solidarität vermehrt gelebt.


RB: Haben Epidemien den Ablasshandel angeheizt?

Cerny-Werner: Nicht unbedingt, aber es kam zu einer intensiven Bußbewegung. Das sah man an den Flagellanten. Aus Mittelitalien hat sich diese Geißelungspraxis verbreitet. Die Flagellanten kamen bis über die Alpen, nach Kärnten und waren in ganz Österreich verbreitet. Sie waren allerdings nicht kirchlich institutionalisiert, sondern mehr in der Volksfrömmigkeit angesiedelt.


RB: Was war so besonders an den Flagellanten? Buße tun konnte man doch genauso gut in den eigenen vier Wänden.

Cerny-Werner: Die Buße musste authentisch sein. Das war sie dann, wenn sie öffentlich kommuniziert wurde. Die Menschen sind durch die Städte gezogen und haben sich mit einer Peitsche geschlagen. Für die Bußhandlungen gab es auch konkrete Vorgaben.


RB: Gab es auch von der Institution Kirche Reaktionen?

Cerny-Werner: Absolut. 590 hat es unter Gregor dem Großen die erste Pestprozession gegeben. Und dann auch Reaktionen in Form von christlicher Nächstenliebe. Da war es zum Beispiel der Antoniter-Orden, der Pilger auf dem Jakobsweg betreute und ein Spitalswesen betrieb. Die
Brüder haben Orte der Krankenfürsorge eingerichtet. Eine weitere Institutionalisierung: Während des Schwarzen Todes kamen die Pestmessen auf, die es heute noch gibt.


RB: Wir haben zwei Päpste und eine Pandemie – befinden wir uns in der Endzeit?

Cerny-Werner: Im Mittelalter war man mehrmals dieser Meinung. Der Gedanke von Endzeit ist immer irgendwie mit unsicheren Zeiten verbunden. Insgesamt glaube ich aber, dass Kirche diesem Gedanken mittlerweile mehrheitlich entwachsen ist. Krankheiten werden nicht mehr als Strafe und Zeichen der Endzeit gesehen. Gerade seit dem Zweiten Vatikanum gibt es eine gute Koexistenz von Glaube und Wissenschaft. Viel mehr: Es muss sie geben.


RB: Welche Relevanz hat Religion heute noch im Kontext von Krankheiten?

Cerny-Werner: Religion spielt heute eher im Bereich der Medizinethik eine Rolle. Da ist Kirche besonders gefragt. Auch im Kontext existenzieller Nöte ist sie wichtig. Bei Krankheiten fragen sich viele Menschen: Warum ich? Oder: Warum muss mein Kind sterben? Das ist zwar medizinisch beantwortbar. Aber die Frage bleibt, weil die Ebene eine andere ist. Im Kontext der Kirche ist eine Beschäftigung mit diesen existenziellen Fragen möglich.

 

Roland Cerny-Werner wurde am 25. Februar 1975 in Jena, der damaligen DDR geboren. Er studierte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Neuere und Neueste Geschichte und promovierte 2008 zum Thema „Vatikanische Ostpolitik – Die Beziehungen des Vatikan und der DDR“. Seit 2014 ist Cerny-Werner Assistenzsprofessor für neuere/neueste Kirchengeschichte am Fachbereich Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Seine theologischen Schwerpunkte sind kirchliche Zeitgeschichte sowie Politische Bildung und Antisemitismusforschung. Cerny-Werner engagiert sich seit vielen Jahren im Bereich der pädagogischen Begleitung von Führungen und Tagesprojekten an den Gedenkstätten der ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und Mauthausen.

 

Alexandra Hogan

 

Foto: RB/aho