Die Narben bleiben für immer

Die Katholische Frauenbewegung unterstützt den Kampf gegen Genitalverstümmelung in Tansania

Mwanga. Das blutige Ritual der weiblichen Genitalverstümmelung ist in Tansania verboten, in den Köpfen der Menschen aber noch fest verankert. Besonders im Norden des Landes bei den Volksstämmen der Maasai oder Pare ist Female Genital Mutilation, kurz FGM, weit verbreitet. „Höllische Schmerzen.“ So be-schreibt Rahel Sana Go ihre Beschneidung im Alter von17 Jahren. Sie ist froh, dass ihren Töchtern die  grausame Tradition erspart blieb. Zu verdanken haben sie das Schwester Honorata Mvungi. Die „Grail Sister“ und ihr Team leisten unermüdlich Aufklärung, um FGM zu stoppen. Unterstützung kommt von der Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung Österreich.    

Die Volksgruppe der Maasai ist dafür bekannt, ihre alten Traditionen zu pflegen und aufrecht zu erhalten. Asifiwe ist in Emuguru im Distrikt Mwanga im Norden Tansanias geboren. Die 24-Jährige trägt eine typische Maasai-Tracht. Sie lacht und tratscht mit den anderen Frauen und sucht wie sie den Schatten eines der mächtigen Baobabs (Affenbrotbäume). Asifiwe ist eine von vielen jungen Leuten im Dorf und doch anders. Sie hat es auf die Universität von Arusha geschafft und studiert Lehramt. Dass sie ihren Traum verwirklichen kann, verdankt sie ihren Eltern und den „Grail Sisters“. Als sie sieben Jahre alt wurde, war es vor allem ihre Mutter, die drängte, das Mädchen in die Obhut der christlichen Frauen zu geben. Die Beschneidung der kleinen Asifiwe stand an. Der Weggang aus dem Dorf beschützte sie vor der schmerzhaften Tortur FGM, die wie genügend „Fälle“ zeigen, tödlich ausgehen kann. 

Asifiwe lebt heute überwiegend in Arusha. Sie versucht die Kultur der Maasai und die moderne Welt in der Großstadt unter einen Hut zu bringen. „Ich will meine Wurzeln ja nicht verleugnen.“ Ihr Dorf besucht sie regelmäßig, auch um Überzeugungsarbeit zu leisten, damit die Praxis der Genitalverstümmelung endlich aufhört. Eine wichtige Stimme in diesem Kampf ist ihr Vater, der Bürgermeister in Emuguru. Der Widerstand bröckle, sei jedoch noch nicht überall überwunden, erklärt Moses Mbuyuk. 

Gegen Widerstände „anreden“

„Der Glaube, dass  unbeschnittene Frauen einen Fluch über die Familie bringen, lässt sich nur langsam vertreiben“, weiß Sr. Honorata. Das Vertrauen der Men-
schen zu gewinnen, sei ein langer Weg. Sie könne nicht einfach in ein Dorf spazieren und sagen: „Das ist schlecht was ihr macht, hört auf.“ Für die Menschen war FGM etwas Natürliches, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. „Es gibt nur eine Möglichkeit: Immer wieder mit den Leuten sprechen. Wir klären sie über die Folgen auf, die körperlichen Beschwerden und die seelischen Narben, die für immer bleiben. Wir laden dazu Ärztinnen ein oder  machen Theater-Workshops mit den Jugendlichen.“ 

Schwester Honorata kümmert sich auch um die Beschneiderinnen. Sie hört nicht weg, wenn diese klagen: „Wir haben kein Einkommen mehr. Was sollen wir tun?“ Die Antwort ist die Gründung von dörflichen Spar- und Gemeinschaftsbanken, die Kleinkredite vergeben. „So können die Frauen Geschäfte gründen, eine Nähmaschine anschaffen oder eine Hühnerzucht beginnen.“ Maria Julias hat sich mit dem geliehenen Geld eine neue Exis-tenz aufgebaut. Sie  hält sich nun mit einer kleinen Landwirtschaft über Wasser.  Bis vor sechs Jahren verdiente sie als Beschneiderin ihren Unterhalt. Das „Handwerk“ erlernte sie als 15-Jährige von ihrer Großmutter. Pro Jahr war sie rund 30-mal im Einsatz. „Gestorben ist nie jemand“, behauptet die heute 67-Jährige. Doch brenzlige Situationen habe sie schon erlebt, wenn ein Mädchen viel Blut verloren hat. „Dann haben wir ihr frisches Kuhblut zum Trinken gegeben und gebetet.“ 

„Wir sind aufgewacht“

Mit 30 Gemeinden arbeitet das zweiköpfige Grail-Schwestern-Team, neben Sr. Honorata noch Sr. Justina, inzwischen zusammen. Eine davon ist Chato. „Bei uns gibt es keine Beschneidungen mehr. Wir sind aufgewacht. Die Schwes-tern haben uns auf diesen Weg gebracht“, erklärt der 85-jährige Michael Emili, einer der ältesten und angesehensten Männer im Pare-Dorf. Mindestens genauso überzeugt geben sich die Jugendlichen. Sie haben ein Theaterstück eingeübt. Am Ende steht eine starke, symbolische Geste: Die Übergabe der Beschneidungswerkzeuge an die Ordensfrau. Schwester Honorata strahlt. 

Kampf gegen Genitalverstümmelung

Über weibliche Genitalverstümmelung zu sprechen ist in Tansania ein Tabu. Honorata Mvungi tut es trotzdem. Rückendeckung bekommt sie von ihren Mitschwestern. Die „Grail Sisters“ oder auf Deutsch „Schwestern des Gral“ sind eine internationale Bewegung christlicher Frauen. Ihre Mitglieder sind vor allem als Lehrerinnen, im Gesundheitsbereich oder in Sozialberufen tätig. Sr. Honorata hat sich im Distrikt Mwanga in der Diözese Sane dem Kampf gegen Beschneidung verschrieben.  Sie möchte FGM (Female Genital Mutilation) aus ganz Tansania verbannen. Das ist das Ziel, das die 76-jährige Schwester antreibt.  

Mit den Folgen von FGM hat Ärztin Sr. Avelina R. Kimaryo zu tun. „Die gesundheitlichen Risiken sind massiv. Sie reichen von heftigen Blutungen bis zu lange nicht abheilenden Entzündungen und Schmerzen beim Urinieren, der Menstruation oder beim Geschlechtsverkehr.“ Unfruchtbarkeit oder Probleme bei der Geburt seien keine Seltenheit. Die Ärztin verweist zudem auf die psychischen Folgen: „Frauen leiden ein Leben lang.“ Die Sichtweise, erst die Beschneidung mache ein Mädchen zur Frau, sei tief verankert. Dabei betont Dr. Kimaryo: „Das grausame Ritual der Beschneidung wird nicht nur in muslimischen, sondern auch in christlichen Familien angewandt.“ Sie zähle auf die junge Generation, die immer  weniger „Gefangene“ dieser Tradition sei und umdenkt. Um diese Entwicklung weiter voranzutreiben brauche es Aufklärung und Bildung. Dem kann Francis Selasini von der Organisation „Nafgem“ nur zustimmen. Der Experte berichtet von einem Rückgang der FGM-Praxis seit dem staatlichen Verbot vor 20 Jahren: Landesweit ist die Rate auf zehn Prozent gesunken, doch in manchen Regionen im Norden Tansanias liegt sie noch bei bis zu 60 Prozent. Für Schwester Honorata gibt es also noch eine Menge zu tun. 

Tipp: Die Aktion Familienfasttag der Katholischen Frauenbewegung unterstützt Schwester Honorata bei ihrem Einsatz gegen Genitalverstümmelung. Infos unter www.teilen.at

Fotos: Schwester Honorata hat mit Bildung und Aufklärung FGM in Tansania den Kampf angesagt. / Fotos: RB/ibu