Die Rolle der Religionen

Was Christen tun können, wenn es um den Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung geht – darüber hat der diözesane Umweltreferent Johann Neumayer mit Franz Gmainer-Pranzl gesprochen. Er leitet das Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen an der Universität Salzburg.

RB: Papst Franziskus fordert die Religionen auf, in Dialog zu treten und gemeinsam für die Bewahrung der Schöpfung einzutreten. Wie viel Einfluss haben die Religionen überhaupt?
Franz Gmainer-Pranzl: Religiöse Traditionen haben überall auf der Welt einen bemerkenswerten Einfluss. Durch ihre Symbolik, ihre Weltdeutung, ihre Heilsvorstellungen und ihr Menschenverständnis prägen sie Gesellschaften, politisches und wirtschaftliches Handeln und auch den Umgang mit der Natur. Wenn Religionen in Dialog miteinander treten, wie dies Papst Franziskus in Laudato Si (209) fordert, stärkt diese zweifellos ihren Einfluss. Gemeint ist allerdings nicht, dass interreligiöse Dialoge als Strategien zur Erhöhung der gesellschaftlichen Bedeutung von Religion(en) einzusetzen sind; es geht vielmehr darum, dass sich Religionen (und das heißt: ihre Anhänger) einer kritischen Öffentlichkeit stellen und ihre Ressourcen in die Gesellschaft einbringen.

RB: Wenn es um mehr als Symptomkorrektur geht, ist es wichtig, bei den eigentlichen Beweggründen der Menschen anzusetzen, um eine Veränderung herbeizuführen. Was können wir Christen und Christinnen, was können die Religionen einbringen?
Gmainer-Pranzl: Papst Franziskus spricht in Laudato Si (209) von der Schonung der Natur, der Verteidigung der Armen und vom Aufbau eines Netzwerkes der gegenseitigen Achtung und Geschwisterlichkeit. Diese Impulse können die Religionen einbringen auf Grundlage einer jahrtausendelangen Erfahrung im Umgang mit Mensch und Natur sowie auch mit einem (selbst-)kritischen Potenzial, was Geld und Macht betrifft. An erster Stelle sollte aber nicht der moralische Zeigefinger stehen, sondern eine Vision von gelungenem Menschsein und eine tiefe Freude über das Geschenk des Lebens. Von christlicher Seite können wir vor allem die „Freiheit des neuen Lebens“ einbringen, die uns in Chris-tus geschenkt ist – also jene radikale Erfahrung einer befreiten Existenz, wie sie Paulus in seinen Briefen eindrücklich bezeugte.

RB: Kann die Kirche in der westlichen Welt überhaupt noch Umkehr predigen?
Gmainer-Pranzl: Eines kann die Kirche immer tun: aus dem Evangelium leben und von daher Umdenken und Umkehr anstoßen. Die Vision einer nachhaltigen Entwicklung sollte die Kirche dazu herausfordern, mit zivilgesellschaftlichen Gruppen und sozialen Bewegungen zu kooperieren und sich auch auf interdisziplinäre Diskurse mit unterschiedlichen Wissenschaften einzulassen, damit nicht jener geistige Rückzug bzw. jene Überspezialisierung entsteht, die Papst Franziskus in Laudato Si (201) beklagt.

Die Religionen müssten miteinander in Dialog treten, um sich gemeinsam für einen gerechten und ökologisch tragfähigen Lebensstil einzusetzen – wir Christen können vor allem die „Freiheit des neuen Lebens“ einbringen, die uns in Christus geschenkt ist. Foto: Günter Havlena/pixelio.de