Die Stärke der Frauen

Veronika Pernsteiner leitet seit 2015 die größte Frauen-Organisation des Landes. Die Oberösterreicherin ist Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreich mit 150.000 Mitgliedern. Zum 70-Jahr-Jubiläum spricht sie mit dem Rupertusblatt über den Auftrag, „der direkt aus dem Evangelium kommt“, gesellschaftspolitische Themen und die Stärke der Frauen.

RB: 70 Jahre sind ein stolzes Alter. Was tut die Katholische Frauenbewegung Österreich um jung zu bleiben?  Was macht sie 2017 aus?

Pernsteiner: Viele junge Frauen interessieren sich für globale Zusammenhänge. Dieser Thematik begegnen sie in unserer entwicklungspolitischen Aktion Familienfasttag. Aber auch unser zweijähriger Schwerpunkt „Weil’s gerecht ist – mischen wir uns ein und fairändern wir die Welt“ lädt Frauen ein, sich für globale Fairänderung einzusetzen. Frauen, denen es zum Beispiel nicht egal ist, wie ein T-Shirt entsteht, das nur drei Euro kostet.

RB: Zum Jubiläum möchte die kfb ja weniger zurück als nach vorne blicken. Worauf  schauen Sie da als Vorsitzende besonders?

Pernsteiner: Gesellschaftspolitisch müssen wir weiterhin den Finger auf die blutigen, ja eitrigen Wunden unserer Zeit legen – der Auftrag dafür kommt für uns ja direkt aus dem Evangelium. Wir setzen uns für Verteilungsgerechtigkeit zwischen Nord und Süd ein, wollen wachsam sein, wenn Demokratie und Rechtsstaat ausgehöhlt zu werden drohen. Wir treten auf, wenn Rassismus und Sexismus wieder gesellschaftsfähig werden, wenn Armut und Ausgrenzung Europa entzweien oder wenn Frauen als Handelsware illegal durch verschiedene Staaten verbracht werden, um als Lustobjekt in der Zwangsprostitution zu landen. Mit der Zwangsprostitution hat sich zum Beispiel vor kurzem die Tagung von Andante, der Dachorganisation der Katholischen Frauenverbände Europas, in Durres in Albanien beschäftigt.  

Dankbar bin ich, weil die kfb in den Diözesen so viele stärkende Angebote für Frauen bereit hält. Dazu möchten wir als Österreich-Ebene mit unseren Jahresschwerpunkten beitragen. Das Thema des Jubiläums und der Schwerpunkt der kommenden zwei Arbeitsjahre heißt „Frauen.Leben.Stärken“.

RB: Die kfb versteht sich als lebendiger und manchmal auch kritischer Teil unserer Kirche. Wo ist Kritik angebracht? Wo möchte die kfb etwas (mit)verändern?

Pernsteiner: Damit Kirche in der Welt weiterhin glaubwürdig wirken kann, darf sie nicht auf die Stärken der Frauen verzichten. Sie kann es sich ja eigentlich gar nicht leisten. Die kfb wird weiter am Thema „Öffnung der Weiheämter für Frauen“ dran bleiben. Es gibt viele berufene Theologinnen. Mir ist es als ein erster Schritt auch ein Anliegen, dass Frauen in Zukunft ganz offiziell das Evangelium in einer Predigt auslegen dürfen. Dieses Anliegen hat auch der Katholische Deutsche Frauenbund an die Deutsche Bischofskonferenz herangetragen. Auch die Schöpfungsverantwortung ist in der Frauenbewegung stark verankert. Papst Franziskus stärkt uns mit seiner Enzyklika „Laudato si“ den Rücken.

 
RB: Viele Organisationen kennen das Nachwuchsproblem. Was braucht es, damit die kfb für junge Frauen attraktiv ist?

Pernsteiner: Frauen engagieren sich heutzutage nicht mehr, um jemanden in der Kirchenhierarchie einen Gefallen zu tun, die Frauen von heute wollen einen Sinn in ihrem Engagement sehen und wenn es nur die Mitgliedschaft ist. Mitgliedschaft ist identitätsstiftend. Damit unterstütze ich ein Anliegen, in unserem Fall die Anliegen der Katholischen Frauenbewegung. Darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, sich in Pfarre, Dekanat oder Diözesan-Ebene einzusetzen. Mitgestaltung von Kirche und Gesellschaft kann ein Motiv sein. Und noch etwas: Frauen wollen angesprochen werden. Mir ist es nicht nur einmal passiert, wenn ich eine Frau gefragt habe, ob sie kfb-Mitglied in meiner Diözese werden will, dass sie gesagt hat: „Ja, gern, aber es hat mich ja noch nie jemand gefragt.“

RB: Sie sind seit 2015 Vorsitzende. Ist es ein Amt, das Freude bereitet, stolz macht?  

Pernsteiner: Die kfb trägt dazu bei, dass Kirche lebendig bleibt. In so vielen Pfarren Österreichs engagieren sich so viele kfb-Frauen zu so vielen Anlässen, sei es diakonisch, liturgisch, gemeinschaftlich oder in der Verkündigung. Sie wirken mit an den Grundaufträgen der Kirche. Darauf bin ich sehr stolz. Dass wir darüber hinaus erfolgreich an gesellschaftspolitischen Themen mitwirken, in der Bildung, in der Medienarbeit, in Kampagnen wie „Christlich geht anders“, dass wir uns für ein „gutes Leben für alle“ einsetzen, für Verteilungsgerechtigkeit zwischen Nord und Süd, dass wir in 100 Projektpartnerschaften in Asien, Lateinamerika und Afrika und mit Bildungsarbeit entwicklungspolitisch durch die Aktion Familienfasttag aktiv sind, das macht mich stolz. Dafür gebe ich gern einen großen Teil meiner derzeitigen außerberuflichen Lebenszeit.

RB: Was wünschen Sie der Katholischen Frauenbewegung für die nächsten (70) Jahre?

Pernsteiner: Ich wünsche der kfb, dass sie weiterhin so viele aktive, starke, spirituelle Frauen motivieren kann, die Anliegen der kfb weiterzutragen und sich für die Gemeinschaft einzusetzen. Ich wünsche der kfb, dass sie dazu beitragen kann, so manche Wunde der jeweiligen Zeit zu heilen. Ich wünsche der kfb, dass sie die Kraft hat, weiter im Sinne ihrer Patronin und Weggefährtin, der hl. Katharina von Siena, den Mächtigen ihrer Zeit ins Gewissen zu reden. Einer der von ihr überlieferten Aussprüche: „Die Stunde ist kostbar, warte nicht auf eine bessere Gelegenheit.“

Foto (Litzlbauer): Kirche lebendig halten und an gesellschaftspolitischen Themen mitwirken – diesen Weg möchte Veronika Pernsteiner aus Feldkirchen/Donau in Oberösterreich weiter mit den kfb-Frauen gehen.