Die Suche nach Identität

Salzburgs Fußball-Gegner Celtic Glasgow und seine berührende Entstehungsgeschichte.

Salzburg. Wenn am 13. Dezember die Salzburger Fußballer in der Europa League gegen Celtic Glasgow kicken, ist der Spielausgang weniger interessant (Salzburg ist fix im Sechszehntelfinale) als die Geschichte des Gegners. Celtic sorgte als „katholischer Verein“ dafür, dass Kinder ein warmes Essen bekamen.

Am 6. November 1887 veranstaltet Mönch Walfrid, der 1864 in den Maristen-Orden eintrat, ein Treffen im Gemeindehaus der St. Mary‘s R.C. Chapel in Glasgow zur Gründung eines Fußballklubs. 1884 hat er „The Poor Children‘s Dinner Table“ gegründet, eine Aktion, bei der 1.000 Mahlzeiten pro Woche Kinder aus Elendsvierteln versorgen. „Fußballveranstaltungen sieht Walfrid als Möglichkeit, Geld für seine Armenspeisung einzutreiben“, sagt Dietrich Schulze-Marmeling, Fußballexperte, Buchautor und Lektor aus Altenberge bei Münster. Mönch Walfrid will damit aber auch verhindern, dass sich junge Menschen vom Katholizismus abwenden. Verschiedene Vereine spielen für den wohltätigen Zweck, bevor der neue Fußballklub Celtic das Essen für Kinder und Arbeitslose finanziell absichern soll. 

Wird zu Beginn immer noch an katholische Wohlfahrtsorganisationen gespendet (1889 etwa waren es 421 Pfund), hört dies mit der Zeit auf. 1890 entsteht die schottische Liga. Mönch Walfrid will nicht, dass Celtic daran teilnimmt. „Er weiß, dass eine nationale Liga ohne Professionalisierung nicht zu haben ist, und der Kirchenmann lehnt die Bezahlung von Fußballern ab. Für Walfrid ist die Hinwendung zum Profifußball ein Verrat an den Gründungsidealen der Klubs.“ Er behält Recht: Geld wird für die Spieler gebraucht und kann nicht mehr gespendet werden. 1893 hält der Profifußball in Schottland Einzug.

Erzbischof Lackner: „Glaube respektiert das Gegenüber“

In den ersten Jahren war der „katholische Verein“ besser als der Lokalrivale  Glasgow Rangers (in der aktuellen Europa League Gegner von Rapid Wien). Die Rangers schärften ihr Profil. Zunächst war der Klub nicht religiöser als andere in Schottland, einem protestantischen Land. „Aber mit Celtics Vormarsch beginnt die Suche nach einer explizit protestantischen/unionistischen Antwort auf die irisch-katholische Herausforderung. Rangers wird erst nun zum Bollwerk gegen den irisch-katholischen Einfluss im schottischen Fußball“, so Schulze-Marmeling. 

Als Team einer katholischen Minderheit konnte sich Celtic nicht auf katholische Spieler beschränken, eine Einschränkung, die die Rangers lange Zeit handhabten. Passt es, dass Religion bei Fußballklubs derart verankert ist? „Religion, ich spreche lieber von Glaube, passt überall dazu, so es fair, ehrlich und aufrichtig zugeht“, sagt der fußballbegeisterte Erzbischof Franz Lackner. „Glaube kreiert keine Opposition oder Gegnerschaft. So kann ich sehr wohl für etwas oder für jemanden sein, ohne damit das andere oder den anderen niederzumachen. Glaube respektiert das Gegenüber.“

Rangers Trainer 1978, Graeme Souness, hielt nichts davon, auf katholische Spieler zu verzichten. „Wollen wir ein protestantisches Fußballteam oder ein erfolgreiches?“ Auch David Murray, bis 2002 Rangers-Vorsitzender, konnte mit dem anti-katholischen Sektierertum nichts anfangen. 1989 wurde mit Stürmer Mo John-stone der erste „offizielle Katholik“ engagiert, 1998 folgte der nächste. 1999 gab es mit Lorenzo Amoruso den ersten katholischen Rangers-Kapitän. „Dass ein schottischer Katholik das Kapitänsamt bekommt ist weiterhin undenkbar“, erklärt Schulze-Marmeling. Die Differenzen Rangers – Celtic halten an. Ein Beispiel unter vielen: 2011 wurde eine Briefbombe an Celtic-Trainer Neil Lennon gesendet, ein Pokalkampf, den Celtic gewann, ging voraus.

Ein harter Kampf

Celtic war auch „ein politisches Projekt“, so Schulze-Marmeling. Im Vorstand zumeist irischstämmige Geschäftsleute, die der Politik der Einwanderer verbunden waren. Der Name symbolisiert das gemeinsame keltische Erbe von Iren und Schotten und sollte den Iren helfen, in der schottischen Gesellschaft Fuß zu fassen. Die irisch-katholischen Einwanderer hatten es nicht leicht. 1560 legte das schottische Parlament den Bruch mit Rom fest, „die Reformation feiert einen Siegeszug wie in keinem anderen Land Europas“. Mitte des 19. Jahrhunderts flüchteten viele Iren vor Hungerkatas-trophen, in Schottland arbeiteten sie für einen Hungerlohn. Die Neuankömmlinge waren eine politische, soziale und kulturelle Gefahr.

„Und während in Liverpool das Sektierertum mit der Zeit weitgehend verschwindet, hält es sich in Glasgow hartnäckig“, sagt Schulze-Marmeling. Gründe dafür seien etwa die Vorherrschaft der Presbyterianer und die enge Verbindung der Glasgower und Belfaster Werften, auf der überwiegend Protestanten beschäftigt waren. Beim „Old Firm“ – wenn Celtic und Rangers gegeneinander spielen – „erinnern die Gesänge und Rituale der Fans an den Kampf der Iren um Unabhängigkeit“.

Foto: Das Kleeblatt, ein irisches Symbol, ziert die Celtic-Flagge. Foto: RB/Schulze-Marmeling

Buchtipp: Dietrich Schulze-Marmeling: Celtic. Ein „irischer“ Klub in Glasgow. Verlag die Werkstatt, 2018, 304 S., 16,90 €, ISBN 978-3-7307-0377-9