Dienst an guter Gesellschaft

Soziale Fragen haben im Pfarrgemeinderat ihren Platz. Dr. Helmut Gaisbauer engagiert sich: In der Bearbeitung sozialer Themen, speziell in der Armutsforschung, für die Gleichbehandlung von Menschen und in seiner Heimtpfarre St. Georgen bei Salzburg.

 

 

RB: Sie sind Armutsforscher. Was genau macht ein Armutsforscher? 

Helmut Gaisbauer: Als Armutsforscher be-mühen wir uns um ein Wissen über Armut, das den Menschen, die durch eine solche schwierige Situation belastet sind, gerecht wird. Anhaltende Armut ist persönlichkeitsverzehrend, macht einsam, unsicher und ängstlich und lässt nicht zuletzt größte Zweifel aufkommen ; Zweifel an sich, an der Welt, und vermutlich häufig auch an der Barmherzigkeit Gottes. Armut kann auch stumm und taub machen – wenn Menschen nur noch um ihr tägliches Überleben und die Lebensmittel dazu bangen müssen. Auch taub für ein Leben mit Gott. 

RB: Sie sind im Vorstand des Pfarrgemeinderates in St. Georgen bei Salzburg. Wie verbinden Sie Ihre Stelle am Zentrum für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg (ZEA) mit Ihrem Ehrenamt in St. Georgen?

Helmut Gaisbauer: Als Armutsforscher sind wir beauftragt, das Wissen über diese Zusammenhänge möglichst wirksam in die Welt, in unser Denken zu bringen: zusammen im Austausch mit anderen Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, in Zusammenarbeit mit Politik und den Institutionen der Sozialen Armut und in Dialogveranstaltungen. Dieses Tun sollte auch ein wenig im Geist des Dienstes an einer guten Gesellschaft stehen. Hier sehe ich dann eine große Übereinstimmung und Zusammenlaufen der beiden angesprochenen Wirkungsorte: Universität und Pfarrgemeinde.

RB: Wie kann Armut in allen Pfarrgemeinderäten ein Thema werden? Ist die Kirche sensibel für das Thema Armut? 

Helmut Gaisbauer: Armut ist nicht immer leicht zu sehen, von ihr betroffene Menschen nicht immer leicht zu „be-helfen“. Armut ist bei uns hoch stigmatisiert: den von ihr betroffenen Menschen wird durch die bei uns dominanten Vorstellungen und Bilder von Armut ihre dramatische Lage vorgeworfen – als selbst verschuldet. Arm zu sein, materielle Not zu leiden ist ein riesengroßer Makel, geht mit dem oft ausgesprochenen Verdacht einher, man sei moralisch anrüchig. Eine solche Haltung ist grausam und ungerecht – und wie ich meine, ganz und gar unchristlich. 

Leider sind die öffentlichen Bilder und Auffassungen von diesem Denken durchtränkt. Deshalb werden Armut und Not bei uns so gut als möglich versteckt, geheim gehalten. Und deshalb leben Armutsbetroffene ganz oft unter Entdeckungsangst. Was ihre Not und das Leiden daran nur noch vertieft. So geht materielle Not oft gemeinsam mit Einsamkeit und dem Gefühl der Ausweglosigkeit zusammen. Diesen Zusammenhang auf eine gute und schützende, stärkende Weise aufzubrechen, das ist die Hauptaufgabe von PfarrgemeinderätInnen bei uns. Die Sensibilität dafür ist gegeben, sie wächst mit dem Wissen über das Leiden an Armut und Not – und hier sehen wir als Armutsforscher unsere Aufgabe zur Aufklärung beizutragen. 

RB: Welche Aufgaben sollten Pfarrgemeinderäte anpacken? Wo sind sie sehr gut und wo auch zu wenig selbstbewusst?

Helmut Gaisbauer: Ich vermute, dass ein Pfarrgemeinderat dort am tiefsten wirkt, wo die Mitglieder ein tiefes Miteinander erlauben. Das kann in Seitengesprächen beim Vorbereiten eines Festes oder während einer Veranstaltung ebenso sein, wie in einem stillen Miteinander, im Aufsuchen von einsamen Menschen und einem anrührenden Zusammensein. Und wirkliche Ansprache brauchen viele von uns – vielleicht können wir uns das als gemeinsames Gebet vorstellen, auch wenn wir gar nicht immer direkt Gott dabei ansprechen müssen, sondern eigentlich Nachfolge leben. 
In Zeiten, in denen manche Intensitäten zurückgehen, Priester weniger werden, sind wir alle pastoral gefordert. Vielleicht ist es passend von einer „Schule der Menschlichkeit“ zu sprechen, wie wir das am Internationalen Forschungszentrum für soziale und ethische Fragen sein wollen, dem ich seit kurzem auch vorstehen darf, und das meine Arbeit als Armutsforscher auch ausdehnt in andere Bereiche des zu verwirklichenden „guten Lebens“ hinein.

Interview: Christina Repolust

Foto (Robert Maybach): Dr. Helmut P. Gaisbauer  ist 1971 in Linz geboren, studierte in Salzburg und wohnt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in St. Georgen bei Salzburg, wo er auch Pfarrgemeinderat ist. Seit 2002 arbeitet der promovierte Politikwissenschaftler an der Universität Salzburg, ist seit sechs Jahren als Senior Scientist am ZEA tätig und beschäftigt sich mit sozialethischen Fragen nach dem guten Leben für alle – vor allem aus Sicht benachteiligter Menschen. Seit September 2017 ist er in Nachfolge von Prof. Clemens Sedmak außerdem Präsident des Internationalen Forschungszentrums für soziale und ethische Fragen.