„Ein gutes Gefühl, helfen zu können“

Seit beinahe fünf Jahren bietet der Virgilbus obdachlosen Menschen eine medizinische Behandlung

Salzburg. „Der Herr Doktor ist gleich so weit.“ Wie in einer ganz normalen Arztpraxis ist vor dem Behandlungszimmer im Haus Franziskus erstmal Warten angesagt. Denn Allgemeinmediziner Eduard Kinsky und das Sanitäterteam müssen erst noch von der rollenden Arztpraxis in die Caritas-Notschlafstelle wechseln. Es dauert nur wenige Minuten bis die vierköpfige Virgilbus-Crew für den ersten Patienten bereit ist.  Seit November 2014 bietet der Virgilbus obdachlosen Menschen eine niederschwellige und diskrete Behandlungsmöglichkeit. Alleine in diesem Jahr haben ehrenamtliche Teams schon mehr als 900-mal medizinische Not gelindert. „Salzburg ist zusammengerückt und hat die Kräfte gebündelt“, beschreibt Initiator Sebastian Huber die Geburtsstunde des Virgilbusses vor beinahe fünf Jahren. 

Der Virgilbus ist jeden Sonntagabend in der Stadt Salzburg im Einsatz. Halt macht er am Mirabellgarten sowie am Haus Franziskus und in den kalten Monaten zusätzlich an der Winternotschlafstelle in der Linzergasse. Er ist Anlaufstelle für Obdachlose, Menschen die nicht versichert sind, die sich die Medikamente nicht leisten können oder die aus Scham keine Arztpraxis aufsuchen. Neben der Behandlung von Schmerzen in der Wirbelsäule, Zahnbeschwerden und Ausschlägen haben es die Sanitäter und Ärzte auch mit Diabetes zu tun. Wenn die Temperaturen fallen kommen Fieber und Erkältungen dazu,  wie Eduard Kinsky berichtet. Die Pensionierung vor einigen Jahren bescherte dem langjährigen Gemeindearzt von Koppl freie Zeit. „Über das Freiwilligenzentrum bin ich zum Virgilbus gekommen.“ Er sei ohne Zögern „auf diesen Zug aufgesprungen“. Er war sich sicher: „Das ist etwas für mich. Hier kann ich meine beruflichen Fähigkeiten einbringen“, erklärt der Mediziner, der vor viereinhalb Jahren seinen ersten Virgilbus-Dienst absolvierte. Er habe keine detaillierte Erinnerung an den Abend. Doch sehr präsent sei ihm noch die Stimmung bei der Heimfahrt: „Ich habe mich gut gefühlt.“  

Das gute Gefühl, helfen zu können, begleitet den Arzt nach wie vor. Wenngleich es Situationen gebe,  wie Kinsky bekennt, wo er anstehe. Das sei, wenn er die für einen speziellen „Fall“ benötigten Medikamente nicht bei der Hand habe oder wenn er genau wisse, die fiebrige Patientin wird morgens nicht im Bett bleiben, sondern wie die anderen Armutsmigranten die Notschlafstelle in der Früh verlassen müssen. „Das sind Umstände, mit denen war ich als Gemeindearzt nicht konfrontiert.“      

„Für meine Kinder kämpfe ich“ 

„Wenn mir etwas wehtut, gehe ich zum Virgilbus.“ Tinca P. weiß diese medizinische Versorgung zu schätzen. Über den Virgilbus und die Caritas ist ihr eine Zahnbehandlung ermöglicht worden. „In Rumänien kann ich nicht zum Arzt, dafür fehlt mir das Geld.“ Sie  habe drei Kinder und wenn die krank sind und Medizin bräuchten, müsse sie ebenfalls alles aus eigener Tasche zahlen. Und sie spare lieber bei sich selber als bei den Kleinen. In Rumänien gebe es für ihren Mann und sie keine Arbeit, erzählt die 31-Jährige. Deshalb reisen sie seit gut vier Jahren immer wieder aus Pauleasca nach Salzburg. Die Mehrheit der Armutsmigrantinnen und -migranten in Salzburg kommt aus dieser Region an der rumänisch-bulgarischen Grenze. Bis vor einem Jahr haben sie jeden Tag aufs Neue versucht, mit Betteln das Geld zum Überleben der Familie zusammenzukriegen. „Das war eine schwere Zeit.“ Seit einem Jahr habe sich die Lage verbessert. „Mein Mann und ich arbeiten bei einer Reinigungsfirma in Salzburg.“ Den Verdienst steckt das Paar in ihre Kinder, die in Pauleasca bei der Oma wohnen. „Bald geht die Schule wieder los. Da brauchen sie noch einige Sachen“, klagt die dreifache Mutter. Sie wisse nicht, was die Zukunft für sie noch bringe, so Tinca P., aber „für meine Kinder kämpfe ich.“ Dazu gehöre es, dass die Kinder zur Schule gehen. Edda Boehm-Ingram ist Bereichsleiterin für Soziale Arbeit bei der Caritas Salzburg. Sie freut sich wie Dolmetscherin Alina Wihan über diese Worte der jungen Rumänin. „Frau P. hat etwas kapiert.  Sie und ihrem Mann ist bewusst, wie wichtig Bildung ist, damit ihre Kinder die Chance auf eine bessere Zukunft haben“, bringt es Wihan auf den Punkt. Sie hat im Haus Franziskus und vor allem beim Virgilbus die wichtige Aufgabe des Übersetzens.  

„Die Caritas koordiniert beim Virgilbus das Dolmetschen sowie die Einsatzorte“, erklärt Boehm-Ingram. Das Rote Kreuz wiederum ist für die Einteilung der medizinischen Teams zuständig. Die Apothekerkammer Salzburg stellt die Medikamente kostenlos zur Verfügung. Weitere beteiligte Organisationen sind die Malteser, die Samariter sowie die Ärztekammer, die für den Versicherungsschutz der ehrenamtlich tätigen Ärztinnen und Ärzte sorgt. 

Virgilambulanz für Salzburg

Wie all diese Rädchen seit Jahren ineinandergreifen, ist für Virgilbus-Initiator, Arzt und NEOS-Politiker Sebastian Huber die größte Freude. „Niemand soll in Salzburg medizinisch unversorgt sein.“ Mit diesem Anspruch brachte Huber mit seinen Partnern den Virgilbus im November 2014 auf Salzburgs Straßen. Die rollende Praxis sei von Anfang an positiv aufgenommen worden, unterstreicht Huber und verweist noch einmal auf alle Beteiligten, die nach wie vor kräftig anschieben. „Das ist die finanzielle Unterstüzung durch Stadt und Land Salzburg, die Gebietskrankenkasse und Sponsoren, mit denen wir die jährlichen Kosten von rund 30.000 Euro stemmen. Dazu kommen  zahlreiche Sanitäter, Ärzte und Ärztinnen.“ 

Der Virgilbus ist ein „Ersthelfer“. Geht es um chronische Schmerzen, die eine durchgehende Behandlung erfordern oder um die frühzeitige Erkennung einer Erkrankung, sind die Grenzen erreicht. Diese Lücke soll laut Huber die Virgilambulanz schließen. „Das wäre eine niederschwellige, medizinische ambulante Einrichtung für Versicherte und Nicht-Versicherte.“ Diese Ordination stünde allen offen. Sie könnte Menschen Stück für Stück wieder ins Gesundheitssystem holen und wäre darüber hinaus ökonomisch vernünftig: „Es ist günstiger einen Harnwegsinfekt zu behandeln als später die Nierenbeckenentzündung, die einen Spitalsaufenthalt nötig macht“, so Huber. Bei der Umsetzung der Idee soll das bewährte Virgilbus-Netzwerk zum Tragen kommen. Hier zeige sich ja seit bald fünf Jahren Sonntag für Sonntag: Im Miteinander liegt die große Stärke.  

Tipp: Der Virgilbus in der Stadt Salzburg macht jeden Sonntag vor, wie ehrenamtliches Engagement akute Not lindern kann. Verstärkung ist dabei vor allem im Team der Ärztinnen und Ärzte willkommen. Kontakt: internist@sebastianhuber.at 
Damit der Virgilbus weiter Ersthilfe für obdachlose Menschen auf Salzburgs Straßen leisten kann, braucht es Unterstützung. Spenden unter dem Verwendungszweck „Virgilbus“ an: IBAN AT34 2040 4000 0000 8078; BIC SBGSAT2SXXX

Foto1: „In Salzburg soll niemand ohne medizinische Versorgung sein“ – seit dem ersten Adventwochenende 2014 sorgt der Virgilbus dafür, dass diesen Worten auch Taten folgen. Einer der Ärzte, die obdachlose Menschen behandeln, ist der frühere Koppler Gemeindearzt Eduard Kinsky. Für ihn ist es ein „gutes Gefühl“, unmittelbar helfen zu können.      

Foto2: Sebastian Huber im Virgilbus-Einsatz. Der Arzt und Politiker, er ist Zweiter Landtagspräsident in Salzburg,  weiß aus eigener Erfahrung: „Die Menschen sind froh über diese mobile medizinische Basisversorgung“. 

Fotos: RB/Caritas Salzburg