Ein kleines Stück Normalität

Frauen, die nicht mehr weiter wissen.  Ihre Kinder, die ein heiles Familienleben nur aus dem Fernseher kennen. Sie finden in Rayfoun Unterkunft, Schutz und Beistand. Das Frauenhaus gut 30 Kilometer außerhalb von Libanons Hauptstadt Beirut nimmt vor allem Flüchtlingsfrauen und -kinder aus Syrien und dem Irak sowie afrikanische und asiatische Arbeitsmigrantinnen auf.   

 

 

Rayfoun. Die siebenfache Mutter A. sah lange keinen Ausweg mehr aus ihrer verzweifelten Lage. Aus Syrien haben sie Krieg, Zerstörung und Hunger vertrieben. Im Libanon muss sie sich vor ihrem prügelnden Ehemann verstecken. Seine Gewaltausbrüche wurden nach der Flucht ins Nachbarland immer heftiger. A. hatte Todesangst um ihr Leben und das ihrer Kinder. Das Frauenhaus-Team und die Caritas stärken sie und stellen ihr einen Anwalt zur Seite, der für ihre Rechte kämpft.  

Die Frauen, um die sich Leiterin Nancy Chehadé und ihr Team in Rayfoun kümmern, haben alle Geschichten von häuslicher Gewalt, Flucht, Zwangsprostitution oder Missbrauch hinter sich. „Sie besitzen oft nur das was sie am Körper tragen. Es ist schon vorgekommen, dass eine Frau mitten im Winter nur mit Sandalen und T-Shirt vor unserer Tür gestanden ist und wir sie erst einmal einkleiden mussten.“ Im Caritas-Haus werden die Frauen medizinisch versorgt, eine Sozialarbeiterin kümmert sich um die psychische Verfassung, da viele dem Suizid nahe sind.  Bis zu 100 Frauen können umfassend und professionell betreut werden. Sie sollen  in einem stabilen und geschützten Umfeld zur  Ruhe kommen können und sich sicher fühlen. Der zweite Schritt ist es dann, mit Näh-, Computer- oder Englischkursen Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Da für schutzsuchende Flüchtlingsfrauen wie A. eine Rückkehr nach Syrien in absehbarer Zeit nicht möglich ist, setzen sie all ihre Hoffnung auf das Resettlement-Programm von UNHCR und den Neuanfang in einem Land wie Kanada oder in Europa. Doch die Verfahren sind kompliziert und die  Aufnahmekontingente beschränkt. 

Für  die Kinder  sorgen die  geregelten und vor allem ausreichenden Mahlzeiten sowie der Schulbesuch für etwas Normalität. Deshalb setzt Frauenhaus-Leiterin Chehadé alle Hebel in Bewegung, damit die Einschulung der Mädchen und Buben klappt. Damit sie Rückstände aufholen, kommen nachmittags regelmäßig Lehrer zum Lernen. Sie sind auch für jene Kinder da, die das Haus nicht verlassen können, da  sie gefährdet sind – weil zum Beispiel der Vater mit Entführung drohte.    

Sicherheit für Frauen und Kinder

Sicherheit ist im Frauenhaus ein zentrales Thema. In letzter Zeit hat es Vorfälle gegeben, die hier Verbesserungen notwendig machen. Nicht alle Libanesen akzeptieren, dass sich die Caritas für Flüchtlinge und Migrantinnen einsetzt. Ein Nachbar, der sich zudem vom Kinderlärm gestört fühlte, hat deshalb mit einer Waffe auf das Haus gefeuert. „Zum Glück war zum Zeitpunkt des Attentats niemand im getroffenen Zimmer“, ist Chehadé erleichtert. 

Das Frauenhaus befindet sich im Zentrum des kleinen Ortes Rayfoun, ist nicht anonym. Das stellt ein Risiko für die Bewohnerinnen dar – genauso wie die baulichen Mängel im ehemaligen Kloster der Barmherzigen Schwes-
tern. Die Caritas Salzburg will deshalb zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen wie Türschlösser und eine Sicht- und Schutzmauer um das Areal finanzieren – der dafür eingerichtete Spendentopf ist aber noch nicht ausreichend gefüllt. Nancy Chehadé bedankt sich für jede Hilfe und erklärt, dass sie auch die Gespräche mit den Nachbarn und das Bemühen um ein gutes Miteinander  fortsetzen wird. „Das ist eine Art Integrationsarbeit“, umschreibt es die Caritas-Mitarbeiterin, die weiß wofür sie sich einsetzt: „Für die Frauen und Kinder, sie brauchen unsere Unterstützung.“      

Fotos (Caritas/ibu): Sich im Gartenhaus verstecken, Fußball spielen und beim Tischdecken helfen – all das ist ein Stück Normalität. Darauf mussten die Kinder, die jetzt im Frauenhaus Rayfoun leben, oft lange verzichten.