Ein Netzwerker und Brückenbauer

Vernetzen. Im Gespräch mit Francisco San Martín ist es jenes Wort, das mit Abstand am häufigsten fällt. Es ist der Begriff, mit dem er seine Arbeit kurz und prägnant umschreibt. „Wenn sich die Menschen vernetzen und zusammenarbeiten haben sie bessere Chancen.“ Der Peruaner Francisco San Martín Baldwin erhält heuer den Romero-Preis. Die Auszeichnung der Katholischen Männerbewegung und ihrer entwicklungspolitischen Aktion SEI SO FREI geht in einer Woche in Oberndorf über die Bühne. Dass die Ehrung in Salzburg stattfindet ist kein Zufall: San Martín studierte in Salzburg und forschte hier zu Wirtschafts-Netzwerken. Nach dem Doktorat hat er in seiner Heimatstadt Trujillo die Entwicklungsorganisation Minka aufgebaut, die mit dem Ansatz Vernetzen das Leben von Bauern, Kunsthandwerkern und Kleinunternehmern nachhaltig verändert.

Trujillo. „Die Leute kaufen hier gerne ein. Immer mehr achten auf ihre Gesundheit und bei den Produkten vom Biomarkt können sie sicher sein, da wurde beim Düngen nicht auf Chemie gesetzt. Dieses Gemüse und Obst ist ohne Gift und mit sauberem Wasser gewachsen“, schwärmt Stadtteil-Bürgermeister Carlos Bocanegra. Jede Woche macht der Biomarkt von Minka, die „Bioferia“, in einem anderen Teil der Großstadt Trujillo Station. Das Motto „Esse gut und gesund“ soll schon die Kleinsten anstecken. An diesem Tag im Bezirk El Recreo wuseln deshalb Kindergarten- und Volksschulkinder zwischen den Ständen umher. Ihre Direktorin macht sie auf die Vielfalt an Früchten und Gemüse aufmerksam und motiviert sie vom Gemüseauflauf zu kosten, den die Tourismusschüler anbieten. Francisco San Martín beobachtet das Markttreiben mit einem Lächeln. Menschen zusammenbringen und das Bewusstsein für gesunde Ernährung und Bio-Erzeugnisse zu wecken sind  ihm ein Herzensanliegen. 

Profiteure sind auch die Kleinbauern, deren Ernte Minka zu einem guten Fixpreis kauft und dann auf den Märkten anbietet. „Normalerweise sind die Bauern extrem von Zwischenhändlern sowie den Pflanzenschutz- und Düngemittelverkäufern abhängig. Die bleuen ihnen ein: Ihr müsst mehr produzieren und dafür braucht ihr die Chemie.“ Minka durchbricht diesen Kreislauf, zeigt auf, wie es ohne teure Chemiekeule geht und dank Mischkultur, natürlichem Dünger und alternativer Schädlingsfallen die Produktivität trotzdem passt. Und die Entwicklungsorgansiation nimmt sich mit Wasser dem zentralen Thema für die Landwirte an. 

„Kleine“ ernähren das Land

In nur eineinhalb Monaten gibt es im Hochland um Otuzco  im Norden Perus Regen und der fällt als Folge des Klimawandels immer geringer aus. Das betont Marcos Gomez Villanueva aus dem Dorf Carnachique. Er ist Vorsitzender der dortigen Bauernvereinigung. Die Kooperation mit Minka brachte ihm und seinen Kollegen Bewässerungssysteme, Wasserreservoirs und den Glauben in die eigenen Stärken sowie das Vertrauen in das seit Generationen weitergegebene Erbe. „Das alte Wissen darf nicht verkümmern, muss am Leben bleiben“, wünscht sich San Martín, der beim Besuch in Carnachique von einer Bäuerin eine Lehrstunde zu traditionellen Getreidesorten bekommt.

Zwei Drittel der Bevölkerung im drittgrößten Land Südamerikas sind in der Landwirtschaft tätig. Davon sind 90 Prozent Kleinbauern. Sie ernähren Peru, denn die vom Staat geförderten Großbetriebe exportieren ihre Produkte. Ungleich oder besser sehr ungerecht ist die Besitzverteilung: Die zehn Prozent „Großen“ besitzen mehr Land als die 90 Prozent „Kleinen“ zusammen. 

Der Staat konzentriert sich auf die riesigen Agrarbetriebe, die auf ihren Monokulturen Zuckerrohr oder Spargel anbauen. So hat zum Beispiel die Finanzierung eines Wasserprojekts für eine Spargelplantage in der Region von Trujillo absolute Prioriät. Alles muss dem vermeintlichem wirtschaftlichen Wachstum untergeordnet werden. Wer etwas dagegen sagt, auf die fehlende Unterstützung der Kleinbauern verweist, wer die Umweltprobleme anspricht, „der ist in den Augen der meisten Politiker rückständig“, weiß San Martín. Er erklärt: „Der Staat bei uns ist schwach. Er hat keine Antworten auf den Konflikt zwischen Umwelt- und Wirtschaftsinteressen.“ Die Peruaner erwarten sich auch wenig bis nichts vom Staat, so der nüchterne Befund des Entwicklungsexperten.   

In Minka und Francisco San Martín haben die Menschen Vertrauen. Der promovierte Politikwissenschafter hat die Organisation 1987, noch während seiner Zeit in Salzburg, gegründet. Minka kommt aus dem Quechua, der Sprache der Inkas, die bis heute die meistverbreitete indigene Sprache im Gebiet der Anden ist.  San Martín übersetzt Minka mit „Zusammenarbeit“. Seit der Gründung hat er mit seinem Team und Unterstützern wie SEI SO FREI rund 100 Projekte verwirklicht und tausenden Familien den Weg aus der Armut geebnet. Klein- und Kleinstbetriebe seien nicht allein aufgrund ihrer mangelnden Größe wenig effizient, ein zentrales Problem liege in der Isolation der Unternehmen. Minka knüpfte deshalb Netzwerke in den Bereichen Schuhproduktion, biologische Landwirtschaft, Kunsthandwerk und Tourismus. 

Minka ist mittlerweile ein anerkannter Player der Regionalentwicklung in Peru und Multiplikator. Gründer San Martín ist überzeugt, Peru braucht Menschen, die politisch etwas verändern. Im Laufe der Jahre haben zahlreiche Menschen die Minka-Idee des Vernetzens kennen gelernt, sie haben erlebt, dass Ökologie, Gerechtigkeit und wirtschaftliche Entwicklung zu vereinbaren sind. Er selbst sehe sich nicht in der Politik, aber es gefalle ihm, Menschen zu überzeugen und dabei zu sein, wenn Ideen und Entwicklungstheorien in die Praxis umgesetzt werden.   

Verlässliche Partner

Mit Salzburg ist er, unter-streicht Francisco San Martín, „stark verbunden“ – nicht zuletzt durch die Unterstützung der Katholischen Männerbewegung. „Es gab Projekte, wo nicht alles glatt lief. Da ist es umso wichtiger Partner zu haben, die uns vertrauen und durch schwierigere Zeiten begleiten.“ Der Romero-Preisträger ist auch  österreichischer Konsul in Trujillo. Nicht viele Peruaner kennen Österreich so gut wie San Martín, einem Brückenbauer zwischen den Kontinenten, der trotz aller Widrigkeiten Perus Zukunft positiv sieht: „Die Menschen sind fleißig und kreativ. Das macht mich optimistisch.“   

Romero-Preis

Francisco San Martín Baldwin hat in Salzburg studiert. Im November kehrt der ehemalige Stipendiat des Afro-Asiatischen-Instituts zurück. Die Katholische Männerbewegung Österreich und ihre entwicklungspolitische Aktion SEI SO FREI zeichnet ihn in Oberndorf bei Salzburg mit dem Romero-Preis aus. Der an den salvadorianischen Märtyrerbischof Oscar Romero erinnernde „Romero-Preis“ wird seit 1980 an Personen vergeben, die sich in besonderer Weise für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen. Unter den Preisträgern finden sich Bischof Erwin Kräutler, Waris Dirie und P. Josef Hehenberger.

„Bischof Romero steht für Frieden und Gerechtigkeit“, sagt San Martín. Und: „Gerechtigkeit ist ein zentrales Thema für mich. Nicht alle Peruaner haben dieselben Chancen auf ein gutes und glückliches Leben.  Ich sehe eine Verantwortung.“ Schon in frühester Jugend hat er mit dem Vater über die Ungleichheit in der Gesellschaft diskutiert. „Mein Vater war Arzt. Sein Credo: Es braucht  Bildung, damit sich die Lebensumstände ändern.“ Diese Worte prägten San Martín, der mit seiner Entwicklungsorganisation Bildung und Netzwerke fördert. „Gerade Kleinbetriebe und Kleinbauern haben nur Chancen, wenn sie zusammenarbeiten.“

Romero-Preisträger Francisco San Martín in der Erzdiözese Salzburg

  • Mi., 14. 11., 19.00 Uhr, Kufstein, Pfarrzentrum St. Vitus, Vortrag  „Befreiung aus Armut“.
  • Fr., 16. 11., 19.00 Uhr, Aula der Sportmittelschule „Leopold Kohr“, Oberndorf bei Salzburg, Romero-Preisverleihung.
  • Mo., 19. 11., 19.00 Uhr, Bondeko, Schönleitenstraße 1, Salzburg-Liefering, Vortrag „Befreiung aus Armut“.
  •  Di., 20.11., 11.00 bis 13.00 Uhr, Universität Salzburg, Politikwissenschaft, Rudolfskai 42, Vortrag „Wachstum, Entwicklung und Politik in Lateinamerika nach den 90er Jahren am Beispiel Peru“.
  • Di., 20.11., 19.30 Uhr, Kardinal-Schwarzenberg-Haus, Kapitelplatz 3, Salzburg, Vortrag  „Befreiung aus Armut“.
  • Mi., 21.11., 15.00 bis 19.00 Uhr, Afro-Asiatisches Institut, Wr.- Philharmoniker-Gasse 2, Salzburg, Workshop „Projektentwicklung“.
  • Do., 22.11., 19.30 Uhr, Saalfelden, Pfarrsaal, „Romero-Preisträger zu Gast in Saalfelden“.
  • Fr., 23.11., 19.00 Uhr, Seekirchen, Pfarrsaal, Vortrag „Befreiung aus Armut“.

Weitere Infos zum Romero-Preis und Termine: www.seisofrei.at

Foto (ibu): Francisco San Martín im Gespräch mit Javier Garcia, einem Nachkommen der Moche. Die weltweit bekannte Hochkultur der Inka steht auf den Schultern großer Vorgänger wie den Moche. Die Moche-Kultur entwickelte sich vom 1. bis 7. Jahrhundert n. Chr. an der Nordküste Perus. Ausgrabungen wie in El Brujo ziehen immer mehr Besucher an. Damit davon auch die lokale Bevölkerung profitiert,  fördert Minka Kunsthandwerker und kleine Tourismusprojekte.