Eine Heilige unserer Zeit

Leben mit einer Heiligen – die Sozialarbeiterin und frühere Landesrätin Doraja Eberle hat Mutter Teresa 1989 in Indien ganz persönlich kennen gelernt. Und zwei Kinder aus deren Hand empfangen.

Salzburg. Am Heiligabend 1988 kam der Anruf aus Indien: „Ich halte eure Tochter in den Armen. Kommt so schnell es geht.“ Im Februar 1989 war die kleine Teresa sechs Monate alt, zwei Kilo leicht und schwer krank. „Gott hat dich ausgesucht. Jetzt liegt es an dir, ob sie lebt“, sagte Mutter Teresa zu Doraja Eberle, die einander kurz zuvor auf einer Tagung kennen gelernt hatten.


Sechs Wochen hat die Sozialarbeiterin und spätere Landtagsabgeordnete Seite an Seite mit der Heiligen gelebt, die Kleine umgehängt und im Kinderheim mitgeholfen. Eberle hat Mutter Teresa als eine Tuende erlebt: „Sie hat wenig geredet, viel gebetet und gelebt, was sie aus dem Evangelium verstanden hat.“ Sie habe die menschliche Würde eines jeden geachtet – besonders die von stinkenden, sterbenden, von Maden zerfressenen Menschen. „Sie hat auch nie verurteilt. Wenn eine Frau kam, um ihr Kind im Heim abzugeben, hat sie diese Entscheidung nie hinterfragt. Sie hat gesagt: ‚Bevor du abtreibst, gib es mir.‘“ Genauso sei sie mit den Armen verfahren, habe nie gefragt „Bist du Moslem, bist du Hindu? Warum bist du auf der Straße?“ „Viele werfen ihr vor, Ursachen nicht bekämpft zu haben. Aber sie hat sehr wohl Widerstand geübt, darauf aufmerksam gemacht, dass es so nicht geht“, betont Eberle.


Demütiges Geben


Für die Sozialarbeiterin war Mutter Teresa immer ein Vorbild. In Indien hat sie sich deren andere Art des Gebens für ihre späteren eigenen Hilfsprojekte abgeschaut – Bauern helfen Bauern, die Flüchtlingshilfe: Geben soll man auf Knien, empfangen aufrecht. „Wir schmeißen nach unten. Von Mutter Teresa habe ich gelernt, dass das Geben Demut braucht. Wenn ein Bettler am Boden liegt, heißt das manchmal auch hinknien. Dann darf der Arme groß sein“, sagt die 62-Jährige und erinnert sich an die Schwestern, die täglich eine Stunde Brot für die Armen schnitten, obwohl sie auch eine Maschine hätten verwenden können. „Es geht darum, dass du dir diese Zeit nimmst für die Armen.“ Auf der Pinnwand im Büro von Bauern helfen Bauern hängen Bilder aus dieser Zeit, auch eines von einer Begegnung der Familie Eberle mit Mutter Teresa in Brüssel. Tausende Kinder hatte die Ordensfrau zur Adoption gegeben, die kleine Teresa erkannte sie sofort: „Du warst sooo krank“, sagte sie zu ihr. Die Kinder – das war eine jener Türen, die Gott aufgemacht hatte, und durch die man einfach gehen solle, statt das Fenster zu suchen, wie Mutter Teresa dem Ehepaar einst mitgegeben hatte.


„Ich glorifiziere sie nicht, aber sie ist sehr wohl eine Heilige unserer Zeit, eine Querdenkerin wie viele Heilige, die sich stark gemacht hat für etwas und nicht gegen etwas“, sagt Eberle, deren Bild von Heiligen mit Flügeln und Heiligenschein sich in Kalkutta geändert hat. „Wie oft war sie in der Dunkelheit, in der Wüste, hat gehadert, gezweifelt. Aber sie hat getan, was sie konnte.“ Mutter Teresa sei auch eine knallharte Managerin gewesen, der die Staatschefs dieser Welt zuhörten. „Was sie gesagt hat, wurde umgesetzt“, sagt sie über die Frau mit der unglaublichen Ausstrahlung, „obwohl sie so klein und drahtig und unscheinbar war.“

 

„Sie treibt mich immer wieder an“


Wie es der früheren Landesrätin damit geht, wenn von ihr als Mutter Teresa von Salzburg gesprochen wird? „Das nervt mich“, meint sie und rollt mit den Augen. Aber es stimme schon, dass sie stets eine tiefe Verbundenheit gespürt habe, noch vor dem ersten Aufeinandertreffen. „Wenn die Menschen so sagen wollen, dass ich eine Revoluzzerin bin, dass mir nichts zu blöd ist, wenn es um die geht, die unsere Hilfe brauchen, dann fühle ich mich geehrt. Mutter Teresa ist mein Dorn in der Wunde, wenn ich müde werde. Sie treibt mich immer wieder an.“

 

Bildtext: Begegnung in Brüssel: 1995 traf Doraja Eberle mit ihrer Familie Mutter Teresa wieder – vorne im Bild Teresa und Antonius. „Ich bin ihr unendlich dankbar für diese Kinder“, sagt Eberle. Foto: privat