Eine Ordensfrau rüttelt wach

Sr. Aline Silva dos Santos aus Salzburgs Partnerdiözese San Ignacio de Velasco

Die Sondersynode für Amazonien lenkt große Aufmerksamkeit auf die Region. Doch was bedeutet die Synode für die direkt betroffenen Ortskirchen? Sr. Aline Silva dos Santos aus Salzburgs Partnerdiözese San Ignacio de Velasco in Bolivien spricht im Rupertusblatt-Interview über ganzheitliche Ökologie und einer Kirche mit „amazonischem Antlitz“.

RB: Die Synode rückt Amazonien in die Weltöffentlichkeit. Was bedeutet das für die Region?

Sr. Aline Silva dos Santos: Als ich das erste Mal von der Synode hörte, dachte ich: Was wird das sein? Die Kirche ist sehr geprägt von Europa und europäischen Riten. Welche Möglichkeiten gibt es für eine Kirche  mit amazonischem Antlitz? Es bedeutet nicht, die Vergangenheit schlecht zu reden, sondern Wege in eine gute Zukunft zu finden. Entscheidend ist, wie geben wir den Menschen auf ihre konkrete Lebenswirklichkeit eine Antwort und wie können wir für sie da sein?

RB: Wie sieht diese Wirklichkeit aus?

Sr. Aline: In unserer Diözese haben wir 25 Pfarren, die aus 12 bis 30 Gemeinden bestehen. Manche dieser Gemeinden sind vor allem in der Regenzeit schlecht zu erreichen. Der Pfarrer kommt meist nur  einmal im Jahr zur Feier des Kirchenpatrons, an diesem Tag finden dann die Taufen und Hochzeiten statt. Ohne die Katecheten und die religiösen Leiter würde den Rest des Jahres nicht viel passieren. Sie feiern die Wortgottesdienste am Sonntag und sie bereiten die Sakramente vor. Zufrieden sind die Menschen nicht. Es bräuchte gerade für die abgelegeneren Gebiete neue Möglichkeiten, um eine Sakramentenspendung sicherzustellen, etwa die Entwicklung eines „indigenen Pries-tertums“ oder die Befähigung Verheirateter zur eucharistischen Wandlung. Zur Vorbereitung der Synode wurde ja eine Umfrage durchgeführt und da ging es auch um die Frage: Wer kann Aufgaben übernehmen, welche Rolle sollten Laien spielen?  

RB: Kann die Synode hier etwas bewirken und was wünschen Sie sich?

Sr. Aline: Ich brauche keine Weihe für das was ich tue. Aber es geht nicht darum, was ich will, sondern um die Eucharistie, das ist unser Zentrum. Ich denke, die Synode könnte schon dazu beitragen, dass neue Dienstämter entstehen – für Männer und für Frauen. Persönlich wünsche ich mir eine offene Kirche. Derzeit konzentriert sich alles an der Person des Priesters. Es sollte mehr Partizipation geben.

RB: Ein Hauptteil des Arbeitspapiers zur Vorbereitung der Amazonas-Synode ist der „ganzheitlichen Ökologie“ gewidmet. Wo sehen Sie hier die Herausforderungen?

Sr. Aline: Der Weg zur Synode, den wir gehen, ruft uns auf und fordert von uns als Gemeinschaft eine ökologische Umkehr. Es ist wichtig, dass wir als Kirche eine ökologische Spiritualität leben. Die Menschen erwarten von der Kirche auch, dass sie mithilft, wirtschaftliche Alternativen zu entwickeln und für eine „ganzheitliche Ökologie“ einzustehen. Wir brauchen  ein universales Bewusstsein. Alle müssen ihre Verantwortung wahrnehmen, auf der individuellen und systemischen Ebene. Dieses Anliegen beschränkt sich nicht auf Amazonien, sondern betrifft die ganze Welt. 

RB: Wie bringen Sie dieses Anliegen in Ihrer Diözese voran? 

Sr. Aline: Seit 2017 arbeiten wir an der Verbreitung der Papst-Enzyklika „Laudato si“. Dabei gehen wir in Schulen und zu Familien. Wie Papst Franziskus betont, ist die Familie der erste Ort, wo Kinder Werte lernen: Wie gehe ich mit anderen um, mit anderen Lebewesen und mit der Umwelt? Kinder sind dafür sehr empfänglich. In Workshops haben wir mit ihnen Bäume gepflanzt, wir zeigen auf, wie sie Plastik vermeiden und wie sie die Umwelt schützen oder Müll vermeiden können. Wir stellen unser Programm aber auch Priestern, den Katecheten und den Pfarren vor. Wir wollen ein Bewusstsein für die Sorge um das gemeinsame Haus schaffen und die Menschen wachrütteln.

Hintergrund

Sr. Aline Silva dos Santos gehört der Schwesterngemeinschaft der Franziskanerinnen von unserer lieben Frau von Aparecida an. Seit 2016 wirkt die gebürtige Brasilianerin in Salzburgs Partnerdiözese San Ignacio de Velasco in Bolivien im Bereich Mission und Evangelisierung. Als Delegierte von REPAM (kirchliches Netzwerk Pan-Amazonien) ist sie für die Vorbereitung der Amazonien-Synode in der Diözese zuständig. „Wir müssen ein Bewusstsein für die Sorge um das gemeinsame Haus schaffen.“ Ihr Ziel: „Die Menschen dazu bringen, die Realität zu erkennen und mit Hilfe des Glaubens zum Besseren zu verändern.“

Foto: Schwester Aline Silva dos Santos unterstreicht: „Es ist wichtig, dass wir als Kirche eine ökologische Spiritualität leben und wir müssen unsere pastoralen Pläne überprüfen und anpassen.“ 

Foto: RB/ibu