Eine Stimme für Gerechtigkeit

Interview mit der neuen kfb-Vorsitzenden Michaela Luckmann

Salzburg. Die Katholische Frauenbewegung (kfb) der Erzdiözese Salzburg hat eine neue „Spitzenfrau“: Michaela Luckmann.  Vergangenen Samstag wurde sie bei der Diözesankonferenz in Maria Kirchental von den kfb-Frauen als Vorsitzende bestätigt. Mit dem Rupertusblatt spricht die hauptberuflich als Studienleiterin in St. Virgil tätige Luckmann über ihre Herzensthemen und ihren Wunsch nach einer mutigen Kirche.  


RB: Sie kommen als „Quereinsteigern“ zur Katholischen Frauenbewegung und stehen als Vorsitzende gleich einmal an der Spitze. Wie ist es dazu gekommen? 

Michaela Luckmann: In der Frauenbewegung stehen Veränderungen an – im hauptamtlichen Team und an der Basis. Gruppen hören auf, andere bilden sich neu, Regionalleiterinnen werden  älter … Ich bin sehr spontan gefragt worden, ob ich diesen Veränderungs- und Weiterentwicklungsprozess mitgehen möchte. Meine erste Antwort war nein, ich habe nicht die Zeit für so ein intensives Ehrenamt. Andererseits ist da meine große Lust, mich einzumischen, Prozesse zu begleiten und Neues zu denken. Deshalb habe ich zugesagt. Die Diözesankonferenz war jetzt das erste „offizielle“ Zusammentreffen mit den
Frauen. Ich möchte auch bei unterschiedlichsten Veranstaltungen in Regionen dabei sein, um mit möglichst vielen Frauen und Gruppenleiterinnen ins Gespräch zu kommen.

RB: Was verbindet Sie persönlich mit der kfb?

Luckmann: Die kfb ist ja ein Teil der Katholischen Aktion und die kenne ich schon lange aus hauptamtlicher und ehrenamtlicher Sicht. Ich finde diese Konstruktion, das Miteinander von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen, sehr herausfordernd und fruchtbar. Die Idee KA ist einfach genial. Was mir hier wichtig ist: der gegenseitige Respekt und die Achtung vor dem Tun des anderen. Persönlich bin ich der kfb natürlich in der Pfarre begegnet. Berührungspunkte gab es außerdem als Studienleiterin in St. Virgil. Ich war lange Zeit mitverantwortlich für das Frauenbildungsprogramm, den Frauensalon oder die Frauenliturgie. Und wir haben 2010 den Lehrgang feministische Theologie nach St. Virgil gebracht, der sehr erfolgreich war.

RB: Die Katholische Frauenbewegung ist mehr als 70 Jahre alt. Ist sie noch zeitgemäß?

Luckmann: Was mich seit meinem Ja zum Vorsitz beschäftigt hat, ist die Frage: Braucht es in der Kirche, in der Katholischen Aktion, diese Teilung nach Geschlechtern überhaupt? Braucht es eine Katholische Männer- und Frauenbewegung? Gerade mit den Erfahrungen aus dem Lehrgang feministischer Theologie heraus denke ich: Solange es Benachteiligungen gibt, die sich einzig und allein auf das Geschlecht gründen, solange braucht es Frauengruppen und Frauenbildungsprogramme. Wer sonst soll sich dafür einsetzen, dass sich etwas ändert? Andererseits gibt es Themen, die Frauen wie Männer beschäftigen: Wie gestalte ich Partnerschaft, Ehe und Beziehungen? Hier haben wir eine gute Kooperation zwischen Frauen- und Männerbewegung – zum Beispiel mit dem gemeinsamen Ehe- und Familienprogramm.

RB: Welche Schwerpunkte möchten Sie als Vorsitzende setzen?

Luckmann: Mir liegen vier Themen am Herzen, bei denen Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt sind: 1. Armut ist weiblich. 2. Frauen leiden häufiger unter psychischen Erkrankungen als Männer. 3. Frauen und Mädchen sind häufiger von Menschenhandel betroffen. Der 4. Punkt betrifft Politik, Wirtschaft und vor allem Kirche: Leitungsfunktionen sind deutlich weniger mit Frauen besetzt. Das sind Bereiche, die uns als Frauen in der Kirche beschäftigen. Ich finde es wichtig, die Stimme zu erheben, Projekte zu entwickeln und Frauen zu unterstützen. Es geht darum, Ungerechtigkeiten anzusprechen und an Beispielen aufzuzeigen. Wahrnehmen – ermutigen – handeln. Da sind die Frauen und Gruppen in den Pfarren sehr stark. Sie erkennen bei ihnen vor Ort, wenn jemand in Not ist. Es müssen letztlich viele Stimmen und Hände sein, die füreinander da sind.

RB: Wie für viele andere Organisationen auch, ist es für die kfb nicht einfach junge Mitglieder zu gewinnen. Wie kann es gelingen, junge Frauen anzusprechen? 

Luckmann: Alle Untersuchungen zeigen, dass sich Menschen nicht mehr an Vereine binden wollen. Doch wenn es um ein konkretes Anliegen geht, ist gerade bei den Jungen ungemein viel Bereitschaft, Interesse und Engagement da. Das kann bei einem sozialen Projekt sein oder bei der gemeinsamen Entwicklung einer anderen Form von Spiritualität, von Wallfahrten, von Gebetszeiten oder Gebetshaltungen. Es wird unterschiedliche Formen des Miteinanders geben. Eine Aufgabe der kfb ist, diesen Interessen Raum zu geben, da zu sein. Entscheidend ist, dass die Frauen das für sie Wichtige oder Notwendige finden und sich dabei als Teil des Ganzen aufgehoben fühlen.  

RB: Die Katholische Frauenbewegung Österreich fordert immer wieder strukturelle Veränderungen in Kirche wie die Öffnung aller Weiheämter für Frauen. Wie stehen Sie dazu?

Luckmann: Das Diakonat der Frauen sollte keine Frage mehr sein. Ich kenne Frauen, die daran zerbrechen, dass sie ihre Berufung nicht leben dürfen. Das nicht zu sehen und demgegenüber eine Tradition hochzuhalten, die nicht eine jesuanische Tradition ist, das ist für mich unverständlich. 

Mein Vertrauen in die „Heilige Geistin“ ist groß. Wir müssen aber auch das unsere dazu tun: Zeichen setzen, Diskussionen fördern, Frauen stärken oder Initiativen wie aktuell „bleiben.erheben.wandeln“ (siehe Kasten rechts). Ich habe schon den Eindruck, dass die Kirche an einem Wendepunkt steht. Geht es darum, gerade noch zu retten, was zu retten ist und sich einzuigeln? Oder ist jetzt der Zeitpunkt, um mutig zu sein, Neues zu denken und zuzulassen. Die zentrale Frage ist:  Wie leben wir Kirche, wie leben wir den Auftrag, den Jesus uns in der Bergpredigt gibt? Die für mich wichtigen Leitworte sind: Wider dem Hass, wider der Angst, für Gerechtigkeit eintreten mit allem was mir möglich ist und zwar in Vertrauen auf diese allumfassende Liebe.

RB: Zur kfb gehört seit mehr als 60 Jahren die Aktion Familienfasttag, die jedes Jahr von den Frauen in den Pfarren mit den Benefizsuppenessen unterstützt wird. Warum braucht es dieses entwicklungspolitische Engagement heute noch? 

Luckmann: Entwicklungszusammenarbeit ist wichtiger denn je. Ich bin schon sehr lange mit dem Herz-Jesu-Missionar P. Hans Schmid befreundet und habe ihn mehrmals in Brasilien besucht. Bei seinen Projekten ist mitzuverfolgen, was es bedeutet, wenn Frauen Verantwortung übernehmen. Er sagt immer, seitdem haben seine Projekte (Brunnen, Gemeinschaftsgärten) angefangen, Früchte zu tragen. Frauen fühlen sich verantwortlich für ihre Kinder und die Gemeinschaft. Sie investieren ihr Geld in Bildung, sie schicken ihre Kinder zur Schule. Heuer stand bei der Aktion Familienfasttag das Projekt WODSTA in Tansania im Mittelpunkt und hier ist es dasselbe.  Frauen organisieren sich und schaffen sich mit dem Bau von Energiesparöfen ein Einkommen. Damit sind sie in der Lage ihren Kindern und vor allem den Mädchen eine Berufsausbildung zu ermöglichen.

RB: Die kfb zeichnet sich auch durch gelebte Ökumene aus wie beim Ökumenischen Weltgebetstag der Frauen. 

Luckmann: Den Weltgebetstag trage ich mit ganzem Herzen mit. Mein persönlicher Blick hat sich hier schon früh geweitet, da meine Eltern gemischt konfessionell sind, der Vater katholisch, die Mutter evangelisch. Dadurch war ich immer mit beiden Traditionen vertraut. Als Kind war es selbstverständlich, am Karfreitag in den evangelischen Gottesdienst zu gehen. Ich fühle mich bis heute sehr daheim in unterschiedlichen Traditionen. Wir feiern in meiner Pfarre Salzburg-Leopoldskron-Moos ökumenische Gottesdienste und sind auch mit der syrisch-orthodoxen Kirche sehr verbunden. 

RB: Zu einem Amtsantritt dürfen Wünsche formuliert werden. Was wünschen Sie sich als kfb-Vorsitzende? 

Luckmann: Ich wünsche mir eine Kirche, die auf die Menschen schaut und bei den Menschen ist, die mutig ist und die durch die Angst durchgeht. Angst ist so etwas Lähmendes. Doch es liegt auch an uns. Wir sind getauft und in der Lage Kirche zu leben.

Zur Person

Mag. Michaela Luckmann (59) ist in der Katholischen Frauenbewegung  eine Quereinsteigerin. Sie übernimmt den Vorsitz von Roswitha Hörl-Gaßner, die sich nach der Hälfte der laufenden Periode aus beruflichen Gründen zurückzog. Die nächste Vorstandswahl findet in zwei Jahren statt. Luckmann kennen viele Frauen aus St. Virgil. Sie ist hier seit 28 Jahren Bildungsreferentin. Seit 2013 leitet sie zudem das Ausbildungsinstitut für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Erwachsenenbildung. Michaela Luckmann ist verheiratet, hat zwei Kinder und zwei Enkelkinder. Sie engagiert sich seit langem im Pfarrgemeinderat ihrer Heimatpfarre Salzburg-Leopoldskron-Moos.

Foto: Michaela Luckmann, die neue kfb-Vorsitzende in der Erzdiözese Salzburg. / Foto: RB/G.A. Service