Erst sterben Tiere, dann die Menschen

Hunger.  „Die Augen verschließen und glauben, alles löst sich von alleine, ist keine Option“, unterstreicht Caritas-Direktor Johannes Dines. Er spricht von der Hungersnot, die seit Monaten weite Teile Ostafrikas sowie die Sahelzone fest im Griff hat. Mehr als 20 Millionen Menschen drohen zu verhungern, 15 Millionen brauchen sauberes Trinkwasser, 6 Millionen Kinder können nicht zur Schule gehen.  Caritas-Helfer versorgen die Menschen in der Krisenregion mit Trinkwasser und Essen. Dramatisch ist die Lage im Bürgerkriegsland Südsudan. 

Salzburg. Der Boden ist ausgetrocknet und rissig.  Männer, Frauen und Kinder sind bis auf Haut und Knochen abgemagert. Nach Monaten und mitunter nach Jahren ohne Regen fehlen Trinkwasser und Essen. Erst sterben die Tiere, dann die Menschen. 

Weite Teile Ostafrikas wie auch die Sahelzone stehen vor einer der schlimmsten humanitären Katastrophen der jüngeren Geschichte. „Der Grund für die aktuelle Hungersnot sind einerseits die extremen klimatischen Bedingungen, andererseits bewaffnete Konflikte. Die Folge: Bauern können ihre Felder nicht bestellen. Die Gefahr, dabei getötet zu werden, ist zu groß“, erklärt Dines, der darauf hinweist, das „wir“ nicht unbeteiligt sind: „Die Waffen kommen ja nicht aus Afrika, sondern aus Europa oder den USA.“ 

Die Produktion von Nahrungsmitteln ist in einigen Teilen Ost-afrikas fast zur Gänze zusammengebrochen. Die Caritas stellt österreichweit mehr als eine Million Euro für die Hungernothilfe in Ostafrika bereit. „Ziel ist es bis 2018 die Ernährungssituation von 500.000 Menschen in den am meisten von Hunger betroffenen Ländern der Welt zu verbessern“, so Caritas-Direktor Dines. 

Krisenherd Südsudan 

Krieg, Gewalt und Dürre. Dieser verheerende Mix hat im jüngsten Land der  Welt ein Drittel der Bevölkerung zu Heimatlosen gemacht. „Der Südsudan ist einer unserer größten Krisenherde. 1,7 Millionen sind Binnenvertriebene und 1,9 Millionen sind in Nachbarstaaten wie Uganda geflüchtet“, berichtet  Helene Unterguggenberger von der Caritas-Auslandshilfe, die vor kurzem zwei Wochen vor Ort war, um die Nothilfe zu koordinieren. 

Leid, Vertreibung und Hunger sind seit Jahren ständige Begleiter der Menschen im Südsudan. Seit 2013 tobt ein Bürgerkrieg um Macht, Geld und Öl. Zehntausende Menschen sind getötet worden. Wegen der Kämpfe mussten Millionen ihr Zuhause aufgeben. Dazu blieb heuer auch noch der Regen aus.  „Die Leute sind fast ausschließlich von der Landwirtschaft abhängig. Ihre  ganze Lebensgrundlage ist zerstört“, berichtet Unterguggenberger, die bei ihrem Einsatz viele unterernährte Kinder gesehen hat. „Eine harmlose Erkrankung kann für sie bereits lebensbedrohlich werden. In der Hauptstadt Juba sind wir in einem Ernährungszentrum aktiv. Kinder, die an Mangelernährung leiden, bekommen hier einen nahrhaften Brei. Zusätzlich verteilen wir Saatgut und bieten landwirtschaftliche Kurse für KleinbäuerInnen an. Maßnahmen um den Hunger langfristig zu besiegen.“ 

In den Lagern setzt die Caritas auch alles daran, den Kindern Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Die Caritas-Mitarbeiterin  erzählt von Rose A., einer Frau, deren Mann vom Militär eingezogen wurde und die jetzt alleine für ihre Familie sorgen muss. Als die Kämpfe immer näher an ihr Dorf kamen, habe die Frau ihre Kinder gepackt und ist geflohen. Nach einem langen, beschwerlichen Marsch sind sie in der Hauptstadt Juba gestrandet.  Alleine die Zukunft der Kinder liege ihr noch am Herzen, sagt Rose. „Ich hoffe so sehr, dass sie einmal eine Zeit ohne Krieg erleben.“ Dank der Caritas können ihre Kinder zumindest wieder in die Schule gehen. „Wir unterstützen die Menschen, dass sie in ihrem Land bleiben können und wieder eine Zukunft für ihre Kinder sehen“, bringt Helene Unterguggenberger den Fokus der Caritas-Mission neben der akuten Hungerhilfe auf den Punkt. 

Nachhaltigkeit im Blick

In den Ländern, die am stärksten von der Hungersnot betroffen sind, hilft die Caritas dank der Unterstützung ihrer SpenderInnen. In der Akutphase müssen die Menschen so rasch wie möglich mit Trinkwasser und Essen versorgt werden. Langfristig habe die Caritas immer die nachhaltige Entwicklung im Blick, erklärt Direktor Johannes Dines: „Die Caritas aber auch der Staat Österreich müssen weiter Hilfe leisten, damit die Menschen in ihren Heimatländern eine Perspektive haben. Nur dann werden sie bleiben und sich nicht auf den Weg nach Eu-ropa machen.“ 

Dines verschweigt nicht, dass Österreich zuletzt seine Entwicklungsausgaben von 0,35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts  auf 0,41 Prozent steigerte. „Ein wichtiger Schritt, jedoch noch weit entfernt von den seit lange versprochenen 0,7 Prozent. Als viertreichstes Land der EU sind die Grenzen der Solidarität noch nicht erreicht. Es braucht Programme zur Ernährungssicherheit, für nachhaltige Landwirtschaft und eine weitere Ausweitung der humanitären Hilfe“, zählt Dines auf, der außerdem betont: „Die Caritas ist in Österreich selbstverständlich für die Menschen da, die Hilfe brauchen, die durch die sozialen Netze fallen. Doch wir können auch nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn 20 Millionen vom Hungertod bedroht sind.“

Salzburger Schwerpunkte

Die Hungerhilfe der Caritas muss sich heuer stark auf Ostafrika konzentrieren. „Gleichzeitig dürfen wir unsere langfristige Arbeit in unseren Schwerpunktländern nicht vernachlässigen“, sagt Stefan Maier, Leiter der Auslandshilfe der Caritas Salzburg, und verweist auf Projekte in Syrien, Libanon und Ägypten. In der ägyptischen Hauptstadt finanziert die Caritas ein Schulfrühstück für rund 850 sudanesische Flüchtlingskinder. Der Salzburger Christian Kain, Geschäftsführer Kain Audio-Technik, unterstützt diese Aktion schon seit mehreren Jahren. „Hunger darf es nicht mehr geben. Besonders nicht bei Kindern, die völlig unschuldig in unsere Welt geboren wurden.“

Glockenläuten gegen den Hunger

Österreich. Die Österreichische Bischofskonferenz hat eine klangmäßige Aktion gegen den Hunger beschlossen: Am 28. Juli werden um 15.00 Uhr landesweit in den Pfarrgemeinden die Kirchenglocken läuten. Diese sollen an das tägliche Sterben von Menschen an Hunger aufmerksam machen und zum Engagement dagegen aufrufen. Caritas-Präsident Michael Landau: „In der Sterbestunde Jesu wollen wir daran erinnern, dass Millionen Menschen vom Hungertod bedroht sind.“ Alle zehn Sekunden sterbe ein Kind an Hunger oder den Folgen von Hunger. „Ein Sterben, das wir verhindern können und verhindern müssen“, so der Caritas-Präsident. Gerade auch die Kirchen wüssten sich gefordert, weltweite Verantwortung einzumahnen. Es gelte, daran zu erinnern, „dass es nur ein Maß gibt, die Maßeinheit Mensch, und dass eine zukunftstaugliche Gesellschaft nur dann existiert und zwar auch weltweit gesehen, wenn in dieser Gesellschaft alle Menschen eine faire Chance finden können und dazu gehört zu allererst einmal zu leben und nicht zu verhungern“. 

Caritas-Bischof Benno Elbs betont: „Mit dieser Aktion sollen die Österreicherinnen und Österreicher zum Gebet für die hungernden Menschen in Afrika und zu einer konkreten Spende eingeladen werden. Wir müssen immer wieder daran erinnern, dass in einer Welt, die mehr als genügend Nahrung für alle produziert, niemand mehr hungern müsste und dass wir Mittel und Möglichkeiten haben, den weltweiten Hunger gemeinsam zu besiegen.“

Tipp: Weitere Infos zur Hungerhilfe der Caritas und Online-Spenden unter www.caritas-salzburg.at

Fotos (Caritas/Jork Weismann): Alle zehn Sekunden stirbt weltweit ein Kind an Hunger. Außer wir tun etwas dagegen. In vielen Teilen Ostafrikas droht eine verheerende Hungerkatastrophe – ausgelöst durch Gewalt, Krieg und eine große Dürre. Diejenigen, die den Klimawandel am wenigsten verursacht haben, müssen am
meisten darunter leiden.