„Es gibt keine zweite Erde für uns“

Lisa Muhr und Igor Sapic betreiben mit „Göttin des Glücks“ das erste ökologische und faire Modelabel Österreichs. Muhr sprach mit dem diözesanen Umweltreferenten Johann Neumayer darüber, wie Politik und Wirtschaft das Leben aller beeinflussen – und wie man die Welt selbst Schritt für Schritt in eine bessere verwandeln kann.

RB: Wie gelingt Ihnen der Spagat zwischen gerechten Löhnen und ökologischen Standards einerseits und einem Textilmarkt, der überschwemmt ist mit Billigprodukten?
Lisa Muhr: Das ist wahrlich eine Herkulesaufgabe und gelingt nur mit großen Abstrichen: Wir haben durch die fairen Produktionskosten wesentlich geringere Spannen, wir haben als Kleinunternehmen arbeits- und steuerrechtlich die gleichen Auflagen wie Großkonzerne, wir werden als faires Unternehmen im Unternehmenswert und bei Banken gleich wie unfair agierende Unternehmen bewertet – nämlich nur nach Gewinn und Wachstum – und wir kämpfen in unserer Nische gegen große Modekonzerne, die ausbeuterischste Billigstkollektionen im Dreiwochentakt auf den Markt schleudern. Die Textilbranche ist eine der größten und schlimmsten weltweit. Aber wenn wir in Kalkutta bei unseren Fairtrade-Produktionspartnerinnen und -partnern sind und sehen, welchen Unterschied Fairtrade für deren Lebensqualität bedeutet, dann wissen wir, dass unsere Arbeit zutiefst wert- und sinnvoll ist und sind glücklich.

RB: Papst Franziskus fordert in seiner Enzyklika „Laudato Si“, dass sich Politik und Wirtschaft entschieden in den Dienst an den Menschen stellen müssen. Was denken Sie dazu?
Muhr: Dem stimme ich hundertprozentig zu – mit der Betonung auf alle Menschen und der Erweiterung auf den Dienst an der Umwelt: Es gibt keinen zweiten Planeten für uns. Wir Menschen haben unsere wirtschaftlichen und politischen Systeme erschaffen, wir können sie auch wieder ändern, wenn sie uns zu zerstören drohen. Einzig die Faktoren Macht, Egoismus und das Eliteverhalten einiger weniger – inklusive Weltkonzerne – versuchen, uns daran zu hindern. Aber wir stehen am Beginn einer großen Veränderung, deren zukünftige Bedeutung wir noch nicht erfassen: Erst langsam begreifen wir, dass wir als Souverän auch jenseits der Wahlen unsere Stimmen erheben können – etwa was Occupy, TTIP und dergleichen betrifft. Partizipation und Bottom-Up-Prozesse werden Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ändern und nach anfänglichen schmerzhaften Phasen – siehe Erfolge der FPÖ – zu mehr Gerechtigkeit und Menschlichkeit führen.

RB: Ihr Unternehmen ist gemeinwohlzertifiziert. Was bedeutet das für den Arbeitsablauf?
Muhr: Bei uns stehen nicht Zahlen wie Gewinn und Wachstum im Vordergrund, sondern das Wohl für alle: Wir möchten sozial und ökologisch gemeinwohlorientiert arbeiten und zeigen, dass „Benehmen in der Wirtschaft“ möglich ist. Denn was bleibt nach dem Leben? Der Planet, unsere Kinder und die Erinnerung an uns. Jeder einzelne Mensch hat dafür Verantwortung und übt direkten Einfluss auf das Weltgeschehen aus. Dessen müssen wir uns bewusst werden! Daher ist alles, was wir als Unternehmen tun, der Menschlichkeit und der ökologischen Verantwortung gewidmet.

Hinter „Göttin des Glücks“, Österreichs erstem ökologischen und fairen Modelabel, stehen Igor Sapic und Lisa Muhr. Foto: Thomas Topf