„Es ist ein fast politisches Gebet“

Das Magnificat gehört zum Grundkanon der kirchlichen Gebete. P. Johannes Schneider holt es in seinem Buch „Und denkt an sein Erbarmen“ ins Heute. Mit dem Rupertusblatt spricht er zum Hochfest „Verkündigung des Herrn“ an Maria am 25. März über seine Betrachtungen zum Magnificat.

 

 

RB: In Ihrem Buch beschäftigen Sie sich mit der Auslegung des Lobgesangs Marias, des Magnificats. Welche Bedeutung hat dieses Gebet für die heutige Zeit?

P. Johannes Schneider OFM: So wie man das ganze Neue Testament auf die heutige Zeit beziehen kann und muss, gilt das auch für das Magnificat. Auch wenn es in erster Linie natürlich ein religiöses Gebet ist, ein Lob Gottes, der sich der Kleineren, der Ärmeren annimmt, ist es ein fast politisches Gebet.

Aktuell wird es in Zeilen wie „Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. Da geht es um den gerechten sozialen Ausgleich. Oder: „Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind.“ Wörtlich übersetzt heißt das „die hoch auffahren im Denken“. Hoch auffahren tut der Mensch, wenn er in der Versuchung ist, sich selbst zu Gott zu machen. Heute zeigt sich das stark in der Technik, wo der Mensch alles in die Hand nimmt und dabei jede Ethik, den Respekt vor Gott und dem Menschen über Bord wirft. Diese Menschen erkennen keine Grenze an, machen sich selbst zum Maß, zerstören sich dadurch aber selbst. Das ist gerade jetzt sehr präsent, mehr noch als zur Zeit Marias. 

RB: Wie kam es dazu, dass Sie sich so intensiv mit dem Magnificat auseinander gesetzt haben?

Schneider: In der Pilgermesse für Medjugorjepilger in der Franziskanerkirche habe ich mir in der Predigt jeweils bestimmte Themen vorgenommen, so auch das Magnificat. Die einzelnen Kapitel im Buch sind Katechesen, die daraus entstanden. Das Thema Maria hat mich immer beschäftigt: In meiner Diplomarbeit habe ich mich mit Maria bei Antonio von Padua auseinander gesetzt, in der Dissertation mit der Marienverehrung bei Franziskus.

RB: Hat das Gebet einen besonderen Stellenwert in der franziskanischen Spiritualität?

Schneider: Wir beten es beim Stundengebet. Aber es ist ein allgemeines kirchliches Gebet. Direkt franziskanisch sind allerdings die sieben Grafiken im Buch, die nicht unmittelbar das Magnificat betreffen, sondern die sieben Freuden Mariens darstellen. Die Freude der demütigen Magd hat in der franziskanischen Tradition nämlich ihren eigenen Ausdruck gefunden – im „Rosenkranz der sieben Freuden Mariens“. Vorbild für die Grafiken ist das Gnadenbild der Muttergottes von Absam in Tirol.

RB: An wen richtet sich das Buch?

Schneider: Ich habe schon gehört, dass es bei Ordensfrauen zur Tischlesung verwendet wird. Es richtet sich aber zur Vertiefung ganz generell an alle, die das Stundengebet beten und mit der Sprache und dem Inhalt zurechtkommen. Es kann auch sein, dass jemand über die Grafiken einen Zugang findet, der keinen direkten Zugriff zum Glauben hat.

RB: Neben der Seelsorge sind Sie im Franziskanerkloster für die Forschung zuständig. 

Schneider: Wenn Handschriften zugänglich gemacht werden, in einer kritischen Textedition, bearbeite ich diese, übersetze sie zum Beispiel vom Lateinischen oder Italienischen ins Deutsche, schreibe eine Einleitung dazu. Dann gibt es noch die Aufbereitung für den Leser. Dabei bringe ich die übersetzte Text-edition in eine modernere Sprache.

Beim Magnificat bin nach dem Originaltext vorgegangen, habe versucht, ihn neu zu übersetzen und auszulegen. Ähnlich mache ich es, wenn ich zur franziskanischen Spiritualität forsche. Da gibt es Texte, die Franziskus verfasst hat, andere, die über ihn geschrieben wurden, Zeugnisse, Lebensbeschreibungen. Die Übersetzung alleine reicht heute nicht, man muss die Texte zugänglich machen und erklären, etwa wenn ich mich frage, was ein Sonnengesang heute zu sagen hat.

Franziskanische Spiritualität heißt auch, dass ich für die ordensinterne Ausbildung zuständig bin, zum einen die Eintretenden in die franziskanische Geistigkeit einführe, aber auch Fortbildungskurse anbiete. Gerade wohnt ein jüngerer Mann bei uns, der sich für unseren Orden interessiert. Mit ihm lese ich ein Gebet des hl. Franziskus und versuche mit ihm auszulegen, was das für ihn, für uns bedeuten könnte. Das sind alte Texte, wir können nicht 800 oder 2.000 Jahre zurückgehen, wir müssen das in unsere Sprache, in unsere Bedürfnisse übersetzen, gleichzeitig aber der Botschaft treu bleiben. Das ist die Hauptarbeit, das Übersetzen und das Anwenden.

Hintergrund

Johannes Schneider, 1956 in Schwaz geboren, trat 1977 in den Franziskanerorden ein und wurde 1982 zum Priester geweiht. Er studierte in New York und Rom. In der Franziskanerprovinz Austria ist er heute in der Seelsorge, Ausbildung und Forschung tätig und verfasst auch eigene Werke. Sein aktuelles Buch „Und denkt an sein Erbarmen“ – Betrachtungen zum Magnificat ist im Tauriska-Verlag erschienen; ISBN 978-3-901257-55-1.

Tipp: Im Vorteils-Club auf Seite 24 in der aktuellen Rupertusblatt-Ausgabe können Sie jeweils eine „Magnificat-Betrachtung“ gewinnen.

Foto: sab