"Es ist ein Wunder, dass ich überlebt hab"

Der Salzburger Marko Feingold wird im Mai 105 Jahre alt. Er hat vier Konzentrationslager überlebt. Ein Interview mit ihm erschien im RUPERTUSBLATT und in der TT-Beilage "MOMENT".

RUPERTUSBLATT: Sie sind 1913 in der heutigen Slowakei geboren und in Wien aufgewachsen. Gibt es  Erinnerungen an die Kindheit?

Feingold: An das Jahr 1918 erinnere ich mich gut. Der Vater kam vom Krieg heim, wir waren drei Buben und bekamen noch ein Mädchen als Geschwister. Zum Essen gab es wenig, in einem Häuferl Brot waren Sägespäne darunter.

Ihre Berufslaufbahn begann 1927.

Ich konnte 1927 eine zweijährige kaufmännische Lehre beginnen, dann arbeitete ich als Handelsangestellter. 1932 wurde ich arbeitslos und ging mit meinem älteren Bruder als selbständiger Vertreter nach Italien. In den ersten Monaten lebten wir nur von Brot und Tomaten und mussten Italienisch lernen. Wir verkauften Flüssigseife, bis wir draufkamen, dass wir mit Bohnerwachs mehr Geld verdienen konnten. So lebten wir in Italien sechs Jahre sehr gut und fuhren zwischendurch immer wieder nach Hause nach Wien.

Das Jahr 1938 wurde auch für Sie zum Schicksalsjahr.

Mein Bruder und ich wollten im Februar 1938 unsere Pässe verlängern lassen. Wir erlebten eine Hitler-Euphorie, ganz Österreich war für den Anschluss. Am 1. April wurden die ersten 1000 Häftlinge ins Konzentrationslager Dachau gebracht, auch mein Vater war auf der Liste. Als ihn die Gestapo abholen wollte, war er nicht da. Stattdessen nahmen sie mich und meinen Bruder mit. Wir saßen drei Wochen im Gefängnis, dann wurden wir freigelassen mit der Aufforderung, binnen zwölf Stunden Österreich zu verlassen. So gingen wir nach Prag, aber dort schob man uns nach Polen ab.

In Polen haben Sie wieder Arbeit bekommen?

Nur kurzfristig, wir haben uns gefälschte Papiere besorgt. Als man uns in Polen zum Präsenzdienst einziehen wollte, gingen wir zurück in die damalige Tschechoslowakei. Als man draufkam, dass wir polnische Pässe hatten, inhaftierten sie mich und meinen Bruder in Krakau. Auf der Liste von 450 Personen, die ins Konzentrationslager Auschwitz transportiert werden sollten, standen auch 16 für die Strafkompanie, darunter wir beide. Ich magerte in Auschwitz von 55 auf 30 Kilo ab. Da ich immer wieder zusammenbrach, sollte ich mit 1000 Häftlingen nach Hamburg geschickt werden. Der Bruder überlebte Hamburg nicht, ich wurde dann nach Dachau weitergeschickt.

Im Konzentrationslager Dachau mussten Sie wieder arbeiten?

Man merkte, dass ich Polnisch und Italienisch sprach, daher musste ich anfangs dolmetschen. Als ich in die KZ-Gärtnerei kam, wurde mein Gesundheitszustand immer schlechter, ich hatte einen eitrigen Fuß. Daher teilte man mich zu den Invaliden ein, die ins KZ Buchenwald geschickt wurden. In Buchenwald war ich in einer Gruppe, die operiert werden sollten. Die Operierten starben aber an Blutvergiftung, ich wurde nicht operiert und überlebte wie durch ein Wunder. Es folgte Schwerarbeit im Steinbruch. Wegen der Bombardierungen durch die Alliierten in Deutschland wurden Maurer gesucht. Ich meldete mich und konnte schließlich im KZ von 1942 bis 1945 als Maurer arbeiten.

1945 wurden die Konzentrationslager befreit. Wie kamen Sie dann nach Salzburg?

Ich kam zuerst mit einem Autobus bis Wien. Auf Befehl von Dr. Renner sollten aber die Juden wieder zurück nach Deutschland gebracht werden, da stieg ich einfach in Salzburg aus. Seither lebe ich hier und habe 1945 hier auch meine erste Frau kennengelernt. Viele jüdische Flüchtlinge lebten hier in Kasernen, ich organisierte die Verpflegung. Für Transporte nach Italien, zum Beispiel in den Hafen Triest, bekam ich Lastwagen zur Verfügung gestellt.

Sie haben auch tausenden Juden bei der Flucht über die Krimmler Tauern geholfen.

Im Herbst 1947 kündigten die Vereinten Nationen an, den Staat Israel zu gründen. In Saalfelden warteten damals 5000 Menschen auf die Auswanderung. Ich habe dann begonnen, sie über den Tauern zu führen.

Am 28. Mai feiern Sie den 105. Geburtstag. Gibt es einen Wunsch?

Zum Hunderter habe ich mir gewünscht, dass in Salzburg eine Straße oder ein Platz nach Stefan Zweig benannt werden. Das hat man mir zugesagt, ist aber noch nicht umgesetzt. Daher bleibt dieser Wunsch noch offen.

Das Interview erschien im „MOMENT“ (Beilage der Tiroler Tageszeitung) und im RUPERTUSBLATT vom 29. April 2018

Foto: Marko Feingold ist seit 1977 Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. In unzähligen Vorträgen, Besuchen und Exkursionen informiert er seit Jahrzehnten als authentischer Zeitzeuge über den Holocaust. Seine zweite Frau Hanna unterstützt ihn und koordiniert die Termine. Foto: Erzdiözese Salzburg