Faires fürs Kaffeehäferl

Kolumbien. Papst Franziskus reist vom 6. bis 11. September nach Kolumbien. Seine fünfte Lateinamerikareise steht im Zeichen des Friedensprozesses in dem von einem jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt geprägten Land. Hohe Erwartungen setzt auch Johannes Wagenknecht in den Papstbesuch.  Der gebürtige Brucker lebt mit seiner Frau Petra in Kolumbien und Ecuador. Mit dem Rupertusblatt spricht er über seine Erfahrungen in Südamerika, seine Entführung – eine Woche lang war er vergangenen Oktober im Regenwald in der Hand von Kriminellen, die Lösegeld forderten; die Polizei befreite Wagenknecht. Seine große Leidenschaft für den Kaffee hat dieses einschneidende Erlebnis nicht geschmälert. Wagenknecht vertreibt weiter mit kanwan seine „Cafés de Finca“.  Über die Internetseite www.kanwan.at ist der Kaffee auch in Österreich zu beziehen.     

 

 

RB: Wie viele Tassen Kaffee trinken Sie am Tag?

Johannes Wagenknecht: Ich trinke vier bis fünf Häferl. Nach zwei Uhr am Nachmittag kann ich leider keinen mehr trinken, sonst werde ich zum Nachtmenschen. Ich stehe aber gern früh auf.

RB: Was macht den kanwan-Kaffee aus; was unterscheidet ihn von anderen Kaffees?

Wagenknecht: Unser kanwan-Kaffee wird erstens aus gut selektierten Bohnen einer einzigen Finca gemacht. So erzielt man einen eleganten, sauberen Kaffee mit klarem Geschmacksprofil. Für Massenkaffees dagegen werden die Bohnen von vielen Bauern  mit unterschiedlicher Qualität und verschiedenem Geschmack zusammengemischt. Es braucht gar nicht viel Übung, um den Qualitätsunterschied zu schmecken. Das heißt nicht, dass der kanwan-Kaffee aus Kolumbien jedem schmecken muss. Kaffees aus Afrika, aus anderen Gegenden haben andere Aromen, andere Fruchtsäuren. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, aber nicht über Qualität. Zweitens lässt kanwan den Rohkaffee bei Kleinbetrieben im Anbauland verarbeiten und verpacken. In den Anbauländern fehlt es an fair bezahlten Arbeitsplätzen; hier will ich einen Beitrag leisten, nicht nur die Bauern fair bezahlen.

RB: Woher kommen nun die Bohnen für den kanwan-Kaffee? 

Wagenknecht: Dass ich die Bauern und deren Arbeiter kenne, ist mir sehr wichtig. Nur wenn das Arbeitsklima stimmt, kann herausragende Qualität produziert werden. Die Ernte optimal reifer Kirschen sowie fehlerfreies Entkernen, Waschen, Trocknen kann nur ein motiviertes Team leisten. Außerdem biete ich meinen KundInnen die Möglichkeit, „ihren“ Kaffeebauern bei einer Urlaubsreise  in die kolumbianische Kaffeeregion Antioquia selbst kennen zu lernen. So bekommen sie einen Einblick in die Probleme der Landwirtschaft in den Tropen.

Ich habe auch eine eigene Finca. Die ist zum Großteil Natur-Reservat. Die Kaffee- und Kakaobäume, die schon da waren, kultiviere ich weiter. Ich betreibe Landwirtschaft, weil ich das gern mache und um die Probleme von nachhaltiger Landwirtschaft in den Tropen am eigenen Leib zu spüren. Und mich treibt die Neugier, Zusammenhänge zu verstehen und neue Dinge auszuprobieren. Ein  großer „Produzent“ von Kaffee und Kakao werde ich aber nicht werden.

RB: Sie waren nicht immer im „Kaffee-Geschäft“. Wann ging es mit kanwan los?

Wagenknecht: Mein Vater war Gärtner und mir hat die Beschäftigung in und mit der Natur immer gefallen. Trotzdem bin ich Wirtschaftsingenieur geworden und habe viele Jahre in der Maschinenbau-Industrie gearbeitet. Das war auch interessant und hat unserer Familie ein unbeschwertes Leben ermöglicht. 

Auslöser für das kanwan-Projekt war der Entwicklungshilfe-Aufenthalt von 1990 bis 1993 im Amazonastiefland Ecuadors. Hier sah ich, wie Bauern den Urwald rodeten, um Kaffee anzubauen. In den 1980ern war der Kaffeepreis hoch. Dann sank er, die Großhändler zahlten immer weniger, die Bauern produzierten immer billiger, die Qualität des Kaffees sank ins Bodenlose. Da dachte ich mir: Das macht doch keinen Sinn: Eine großartige Natur zu zerstören, nur damit ein Mist produziert wird, der den Namen Genussmittel gar nicht verdient! Es gibt doch in Europa Leute, die gute Qualität schätzen und die sicher nicht wollen, dass ihr Einkauf die Zerstörung des Regenwaldes befeuert. Man müsste den Bauern und diese „bewussten Konsumenten“  irgendwie zusammenbringen. Als dann unsere Kinder selbst schon im Beruf standen, kam der Zeitpunkt, an die Verwirklichung dieser Idee zu gehen. Ermöglicht hat den Wechsel schließlich meine Frau Petra, die eine interessante Arbeit in Kolumbien fand.

 RB: Die zweite Leidenschaft neben dem Kaffee ist also Südamerika. Wie war dieser erste lange Aufenthalt als Entwicklungshelfer?

Wagenknecht: Die Entscheidung, in einem Entwicklungshilfe-Projekt mitzuarbeiten, trafen wir spontan. Wir hatten beide eine gute Anstellung, hatten ein altes Haus gekauft, gerade unser erstes funkelnagelneues Auto bestellt. Als es geliefert wurde, stand fest, dass wir nach Ecuador gehen. 

Und dann hatten wir gar kein Auto. Nicht, dass wir es uns nicht hätten leisten können, aber wir waren Teil der Carmeliter-Mission in Sucumbíos, und die war die Kirche der Armen. Wir brauchten ein Jahr für die Erlaubnis des Bischofs, ein Auto zu kaufen. Das war aber die einzige Meinungsverschiedenheit mit „unserem“ Bischof Gonzalo Lopez Marañon. Er ist bis heute unser größtes Vorbild. Und wir lernten in der Mission viele bewundernswerte Menschen und ein sehr einfaches Leben kennen. Daraus entwickelte sich ein enormes Freiheitsgefühl. Zu wissen, man kann auch mit wenig Geld leben, befreit einen ein großes Stück von den Sorgen des Geldverdienens. Es fiel uns nicht schwer, uns dem Lebensstil anzupassen. 

1993 kehrten wir mit gemischten Gefühlen nach Österreich zurück. Wir wollten unseren Kindern ein gute Ausbildung ermöglichen und Geld verdienen; das ist in Österreich einfacher. Aber irgendwie waren wir aus der Gesellschaft „gefallen“. Nur wenige Menschen verstanden unsere Liebe zu Südamerika, zu einem „anderen Leben“.

RB: Als Ihre Kinder erwachsen waren, ging es wieder nach Südamerika. Doch vergangenes Jahr gab es mit  Ihrer Entführung einen tiefen Einschnitt. Hatten Sie dann nicht genug von Kolumbien und Ecuador?

Wagenknecht: Ja, meine Entführung war ein Schock. Am ersten Tag hatten meine Frau und ich unabhängig voneinander nur einen Gedanken: Unser Traum ist aus. Wenn die Geschichte gut ausgeht, verkaufen wir die Finca und gehen zurück nach Öster-reich. Aber schon am zweiten Tag reifte in uns der Wille, unseren Le-bensweg nicht von ein paar Kriminellen bestimmen zu lassen. 

Wir waren getrennt, durchlebten zwei unterschiedliche Perspektiven derselben Geschichte, und doch kamen wir zum selben Schluss: Wir wollen unser „Projekt“ weiter verfolgen. Das unbeschreibliche Glücksgefühl, als wir uns bei der Pressekonferenz in die Arme fielen, bestärkte uns darin, unser Leben so fortzuführen, wie wir es geplant hatten.  Allerdings, das uneingeschränkte Vertrauen in die Menschen ist uns abhanden gekommen. Manchmal überlegen wir, wem wir was von uns erzählen können und  ich teile auf Facebook meinen Aufenthaltsort nicht mit. Schließlich sind zwei der Entführer noch auf freiem Fuß, der internationale Haftbefehl ist noch nicht vollstreckt. 

RB: Wie ist  derzeit  die Lage in Kolumbien? Die Rebellen der FARC-Guerilla haben ihre Waffen abgegeben. Bedeutet das auch ein Ende der Gewalt?

Wagenknecht: Vereinfacht gesagt: Die Gewalt in den „Konfliktzonen“ Kolumbiens endet nicht, solange das Drogengeschäft dermaßen profitabel ist. Klar, das Einsammeln der Waffen reduziert die Gewalt. Aber für die Drogenbosse, egal ob das nicht abgerüstete FARC-Leute oder ehemals rechte Gruppen sind, ist es ein minimaler Aufwand, neue Waffen zu beschaffen. Um die Gewalt drastisch zu reduzieren, müsste die Staatsmacht in jeder noch so entlegenen Gegend präsent sein und den Menschen eine Zukunftsaussicht ohne Drogen bieten. Aber das ist in diesem weitläufigen und zerklüfteten Land eine Herkulesaufgabe.

Es gibt in den Konfliktzonen auch viel zu viele Menschen, für die Gewaltausübung die einzige lohnenswerte Beschäftigung ist. Ein Beispiel sind meine zwei kolumbianischen Entführer. Im FARC-Gebiet aufgewachsen, erlebten sie die Gewalt zwischen Paramilitärs und FARC hautnah. Drogenhandel und Entführungen betrachteten sie als legitime Erwerbsquelle, wie ich durch die zahlreichen Monologe des Anführers erfuhr. Auch wenn die beiden wohl nicht, wie behauptet, der FARC angehörten, war ihr Leben und ihre Einstellung durch das Leben im von der Guerilla  kontrollierten Drogengebiet geprägt. Solche Menschen auf einen anderen Weg zu führen, ist die nächste schwierige Aufgabe.

RB: In Kürze kommt Papst Franziskus in das um Frieden ringende Kolumbien – kann sein Besuch etwas bewirken?

Wagenknecht: Der Besuch von Papst Franziskus in Kolumbien ist unheimlich wichtig. Ich erwarte, dass damit besonders die vielen kirchlichen Initiativen gestärkt werden, die im Friedensprozess aktiv sind. Ich denke da unter anderem an die Projekte der gebürtigen Bad Hofgasteinerin Margaretha Moises. Auch hoffe ich, dass jene katholischen Würdenträger, die den Friedensvertrag kritisieren, in den Hintergrund gedrängt werden.

Fotos (Wagenknecht): Fair entlohnte Pflücker ermöglichen den perfekten Kaffeegenuss. Es braucht hohe Motivation, viel Übung und Ausdauer, um die richtig reifen Kirschen zu ernten. Dann trocknet der Kaffee in der Sonne. Johannes Wagenknecht (r.) mit  Jorge, dem Verwalter der Finca Cocondo – einer bio-zertifizierten Farm, deren Kaffee Wagenknecht vertreibt.

 

kanwan – mit dir

Direkt vom Bauern

Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, woher ein Lebensmittel kommt; dazu der individuelle und unverwechselbare Geschmack eines Produkts direkt vom Bauern. Das und nicht weniger steckt im kanwan-Kaffee von Johannes und Petra Wagenknecht. Jeder kanwan-Kaffee ist mit Liebe gemacht, oder wie die Kolumbianer sagen: „Hecho con amor”.

Der Markenname kanwan entstammt der Kichwa-Sprache und bedeutet „mit dir“. Der gebürtige Pinzgauer Wagenknecht ist überzeugt: „Wenn KonsumentInnen und Bauern miteinander an einem Strang ziehen, wird die Landwirtschaft nachhaltiger und die Vermarktung fairer. Dieses Miteinander sollte in Zeiten des Internets doch auch über Kontinente hinweg funktionieren!“ Derzeit kommt zweimal im Jahr eine Lieferung nach Österreich. Der Kaffee wird in Hallein gelagert. Von dort ist eine Bestellung in drei bis fünf Tagen bei den KundInnen. Bestellmöglichkeit und Infos unter www.kanwan.at