Farbe bekennen

Kräutler-Preis. „Armut ist kein Schicksal. Armut ist gemacht. Jemand trägt die Verantwortung.“ Das betonte Bischof Erwin Kräutler bei einem besonderen Festabend an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Salzburg. Zum vierten Mal wurde ein Preis vergeben, der den Namen des emeritierten Amazonasbischofs trägt.  Der Erwin-Kräutler-Preis ging heuer an zwei Theologen: Sebastian Pittl und Stefan Silber.

Salzburg. „Die Befreiungstheologie hängt nicht vergangenen Zeiten nach, sie hat den Blick und die kritische Analyse auf die Gegenwart gerichtet“,  unterstrich Professor Franz Gmainer-Pranzl. Der Leiter des Zent-rums Theologie Interkulturell und Studium der Religion an der Universität Salzburg ist einer der Initiatoren des Erwin-Kräutler-Preises. Gmainer-Pranzl erklärte, dass Befreiungstheologie immer mit dem Engagement von Menschen verbunden sei und verwies damit auf „Dom Erwin“. 

Er freue sich, wieder einmal an „seiner“ Fakultät sprechen zu können, betonte Kräutler, der in Salzburg Theologie und Philosophie studierte und im Dom 1965 zum Priester geweiht wurde. Noch im selben Jahr sei er nach Brasilien und sah sich hier mit Menschen konfrontiert, „denen das Elend ins Gesicht geschrieben ist“. Er habe sich gefragt: „Was soll ich mit meiner Theologie anfangen?“ Erwin Kräutler erinnerte an den ersten Satz von „Gaudium et Spes“ (Freude und Hoffnung), wie er im Zweiten Vatikanum niedergeschrieben wurde: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi.“ Armut, so Kräutler weiter, sei kein Schicksal. „Armut ist gemacht. Da trägt jemand Verantwortung dafür. Sobald wir die Armut hinterfragen wird es schwierig.“ Die Befreiungstheologie beschrieb er als Antwort auf ungerechte Situationen. „Da müssen wir als Kirche Farbe bekennen, auch wenn es nicht immer einfach ist.“  

Befreiungstheologische Arbeiten 

Laudatorin Maria Katharina Moser, evangelische Pfarrerin in Simmering und neue Direktorin der Diakonie Österreich, beleuchtete die Arbeiten der Preisträger. Sie strich die Idee der Fragmentarität hervor, die ihr sowohl bei Pittl als auch Silber begegnete. Moser erläuterte weiters, dass es Aufgabe der Kirche sei, die Fragmentarität menschlichen Lebens wieder in den Mittelpunkt zu rücken. Das Verdrängen von Wunden und Brüchen im Leben sei gerade in Europa allgegenwärtig.

Die Jury würdigte den aus Niederöster-reich stammenden Preisträger Sebastian Pittl für seine Dissertation über „einen der markantesten und intellektuell profiliertesten Denker der lateinamerikanischen Befreiungstheologie“ – den 1989 von rechtsgerichteten Todesschwadronen ermordeten Jesuiten Ignacio Ellacuria. Der in Aschaffenburg geborene Stefan Silber wiederum habe durch seine Habilitationsschrift einen breiten Überblick über die Weiterentwicklung der Befreiungstheologie gegeben und dabei wichtige aktuelle Themen wie die Urbanisierung behandelt. Pittl ist seit 2015 für den Forschungsbereich Interkulturelle Theologie am Institut für Weltkirche und Mission an der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen (Frankfurt) verantwortlich. Silber ist Privatdozent an der Universität Osnabrück.

Nächste Kräutler-Preisvergabe 2019

Seit 2011 vergibt das Zentrum Theologie Interkulturell und Studium der Religionen alle zwei Jahre den „Erwin-Kräutler-Preis für kontextuelle Theologie und interreligiösen Dialog“. Ziel ist es, die Bedeutung befreiungs-theologischer Zugänge zu aktuellen Herausforderungen in Gesellschaft und Kirche präsent zu halten und junge Wissenschafter zu fördern. Die Auszeichnung ist mit 3.000 Euro dotiert. 

Der Namensgeber des Preises, der Vorarl-berger Erwin Kräutler CPPS, war von 1981 bis 2015 Bischof von Altamira am Xingu im Nordosten Brasiliens. Er ist Träger des Alternativen Nobelpreises und wurde für sein beispielhaftes pastorales und soziales Wirken mit dem Ehrendoktorat der Universität Salzburg ausgezeichnet.                                 

Buchtipp:  Eine Bestandsaufnahme wie die Anstöße der Befreiungstheologie in Europa, Afrika und Lateinamerika in unterschiedlichste gesellschaftliche Bereiche hineinwirken ist in einem neuen Buch dargestellt. „Theologie der Befreiung heute“, hrsg. von Franz Gmainer-Pranzl, Sandra Lassak und Birgit Weiler, der ersten Kräutler-Preisträgerin.  Tyrolia-Verlag 2017, 578 S., 59,00 Ä, ISBN 978-3-7022-3577-2.

Fotos (ibu): Freuen sich mit den Preisträgern Sebastian Pittl (3. v. r.) und Stefan Silber (2. v. r.): Heinrich Schmidinger, Rektor der Universität Salzburg, Franz Gmainer-Pranzl, Leiter des Zentrums Theologie Interkulturell und Studium der Religion an der Universität Salzburg und em. Bischof Erwin Kräutler, der erstmals bei der Verleihung des nach ihm benannten Preises in Salzburg dabeisein konnte.  

Katharina Moser hielt die Laudatio auf die beiden Kräutler-Preisträger.