Fastengedanken von Weihbischof Hansjörg Hofer

Fasten: Nicht weniger, sondern mehr

Für viele hat das Fasten einen ziemlich negativen Beigeschmack, ein eher abschreckendes Etikett. Sie verbinden es mit Verzicht, Einschränkung, Rücksicht, sich Zurücknehmen usw. und damit mit weniger Freude, weniger Genuss, weniger Lust, weniger Gaudi.

Das Fasten, wie es die Kirche versteht, geht allerdings in eine ganz andere Richtung. Denn für sie ist das Fasten nicht ein Weniger, sondern ein Mehr! Mehr Freundlichkeit, mehr Hilfsbereitschaft, mehr Geduld, ein Mehr an Liebe, Treue, Konsequenz, menschlicher Zuwendung, Gastfreundschaft, ein Mehr an Zeit für das Gebet, für den Gottesdienst, für die Kinder, den Ehepartner, die alten Eltern usw. 

Wenn es mir gelingt, ein wenig von diesem Mehr in die Tat umzusetzen, dann spüre ich Freude. Und dies ist die beste Motivation, es noch einmal zu probieren. So kann sogar ein Kreislauf der Freude entstehen.

Ohne Verzicht wird sich allerdings dieses Mehr nicht einstellen. Wer nämlich ständig alles hat und wem Tag und Nacht alles offen ist und zur Verfügung steht und wer nie gelernt hat, auch einmal Nein zu sagen und auf etwas zu verzichten, der oder die wird über kurz oder lang haltlos, kraftlos, willenlos und den eigenen Begierden gegenüber machtlos! So jemand ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Deswegen gehört auch das Neinsagen und Verzichten ganz wesentlich zur Schule des Lebens und ebenso zur Fastenzeit. Das weiß auch die Kirche. Darum betet sie in einer Fastenpräfation: „Die Entsagung“, d. h. der Verzicht, „mindert in uns die Selbstsucht und öffnet unser Herz für die Armen!“