Gemeinsame Erinnerung

Junge Juden und muslimische Flüchtlinge aus Deutschland haben in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau gemeinsam an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Sie hielten eine interreligiöse Feier mit anschließender Kranzniederlegung in dem ehemaligen Konzentrationslager der Nazis ab. 

Auschwitz. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, bekannte sich zu einer Verantwortung von deutschen Muslimen für ihr Land. Der frühere Landesrabbiner Henry G. Brandt appellierte an die Teilnehmer, unabhängig von der Religionszugehörigkeit zuerst den Menschen als Gegenüber zu sehen. Die 25 Teilnehmer der einwöchigen Reise nach Polen kamen aus den deutschen Bundesländern Thüringen, Schleswig-Holstein und Nord-rhein-Westfalen. Die Flüchtlinge stammen aus Syrien und dem Irak. Auch die Ministerpräsidenten von Thüringen, Bodo Ramelow, und Schleswig-Holstein, Daniel Günther, nahmen an der Feier teil.

Auschwitz als „Ort des unbeschreiblichen menschlichen Leides ist ein furchterregendes Symbol für die Entrechtung, Entmenschlichung und Verfolgung von Millionen Menschen, für den von Deutschen begangenen Zivilisationsbruch, der Schoah“, betonte Mazyek. Es müsse alles unternommen werden, „damit sich eine derartige Katastrophe wie die Schoah niemals wiederholen kann. Weder in unserem Land noch sonst wo auf dieser Welt“, sagte Mazyek. „Jede Form von Antisemitismus, gruppenspezifische Menschenfeindlichkeit und Rassismus ist eine Sünde im Islam.“ Er wandte sich zudem gegen „Schlussstrich“-Forderungen: „Mit uns wird es diesen Relativismus, diesen Hang zur Geschichtsvergessenheit nicht geben und mag er sich noch so billig der Meinungsfreiheit bedienen und sich als intellektuelles Schwert maskieren.“

Brandt betonte, dass alle Menschen als Ebenbild Gottes erschaffen worden seien. Sie sollten nicht zuerst über ihre Herkunft oder religiöse Zugehörigkeit definiert werden, sondern man solle erkennen: „Er ist ein Mensch.“ Der Kreis der Reise-Teilnehmer sei zwar nicht so groß, dass er die Gesellschaft verändern könne. Aber: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Gespräche zu führen und sich kennen zu lernen, sei wesentlich. „Denn wer den anderen kennt, ist gefeit vor Hass.“ 

Der Jüdische Weltkongress zeigt sich indes besorgt über eine steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in Deutschland. Laut WJC stieg die Zahl im ersten Halbjahr 2018 im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2017 um zehn Prozent.  kap

Foto: Bei einer interreligösen Feier haben Juden und Muslime der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Foto: TSK/Michael Reichel

Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) besucht am 09.08.2018 die Gedenkstätte KZ Auschwitz (Polen). Er begleitet eine muslimisch-jüdische Jugendgruppe während einer Studienfahrt nach Auschwitz. Foto: Michael Reichel /arifoto.de