Glühender Eifer

„Wenn ich unter mein Leben ein Fazit setzen könnte, wäre es: Ich hätte nichts anders gemacht“, sagt Sr. Maria Cordis. Als Schwester vom Guten Hirten lebt sie auch im Alter für das Erlösungswerk Christi.

Sandra Bernhofer

Salzburg. Die Maschen rattern Sr. Theodora nur so über die Stricknadeln. Auch mit 90 Jahren tut sie, was sie ihr Leben lang getan hat: für die Menschen am Rand da sein. In zwei Stunden lässt sie Babypatschen entstehen, eine Woche arbeitet sie an Jäckchen und Hose für den Nachwuchs junger Mütter in Not. „Wir tun, was wir können“, strahlt sie über ein Gesicht, dem man das Alter nicht anmerkt. Nebenbei spielt die umtriebige Schwester die Orgel in der Kirche der Guten Hirtinnen.

Unnütz will hier niemand sein, im Kloster St. Josef, dem Haus, in dem keine der 28 Schwestern unter 70 ist. Sie sind für Menschen da, die glücklich sind, einfach nur mit einer Ordensfrau reden zu können, sie verkaufen Puppen und Taschen, die Frauen und Mädchen in Missionsländern aus der Armut helfen, planen eine Klasse für Flüchtlingsmädchen am ABZ St. Josef, der Schule mit 234 Schülerinnen, 16 verschiedenen Staatsbürgerschaften und neun Religionsbekenntnissen, deren Trägerinnen die Schwestern sind; über 80-Jährige helfen noch im Garten mit und sorgen für Blumenschmuck in der Klosterkirche. Auch die Ältesten, die im Rollstuhl sitzen, fühlen sich nach wie vor mitverantwortlich für die Welt und sind unermüdliche Beterinnen. „Niemand soll sich auf die Seite gedrängt fühlen“, sagt Sr. Cordis. Sie bereitete mit Sr. Theodora nach dem Mauerfall die Gründung in Tschechien vor. Heute ist sie Bindeglied zur Regionalkonferenz der Ordensschwestern und zur Erzdiözese, sorgt dafür, dass in der Klosterkirche täglich eine hl. Messe gefeiert werden kann.

Eifer für das Erlösungswerk Christi

Das Charisma der Ordensgemeinschaft ist jenes der Barmherzigkeit und Versöhnung. In einem vierten Gelübde haben die Guten Hirtinnen das Heil der Menschen im Blick, nicht nur im Gebet, sondern auch in Werken. „Nach dem Konzil haben wir überlegt: Wofür sind wir da?“, erklärt Sr. Cordis, „uns war klar: Es reicht nicht, die Menschen zu uns zu holen, wir müssen zu den Menschen gehen, ihnen helfen, sich selbst zu helfen.“

Die Guten Hirtinnen sind weltweit für die Menschen am Rand im Einsatz. Sie haben vor allem in Sri Lanka, Indien und auf den Inseln Madagaskar, Mauritius und La Réunion Zuwachs, gehen in Slums, verhelfen Frauen zu ihren Rechten, Kindern zu Bildung, helfen Flüchtlingen im Libanon und Prostituierten, ihrem Milieu zu entkommen. „Unsere Gründerin, die hl. Maria Euphrasia Pelletier, hatte ein weltweites Charisma im Blick, wollte in der Zerrissenheit nach der Französischen Revolution, als alles in Trümmern lag, etwas für Frauen und Kinder tun.“
Heute sehen die Guten Hirtinnen die Not der Menschen auf der ganzen Welt, die so groß ist, dass alle mithalten müssen. Von diesen Erfahrungen profitiert auch die UNO, die die Gemeinschaft immer wieder als Beraterin in Genderfragen und zu den Themen Menschenhandel und Menschenrechte einlädt; in Genf, New York und Wien sind Schwestern als UNO-Vertreterinnen tätig.

Eine große Familie

„Die Zukunft der Welt ist die Frau“, ist eine der Schwestern im Haus überzeugt, die 40 Jahre im Indischen Ozean, auf Madagaskar und La Réunion für Aids-Kranke, Prostituierte, Frauen und Kinder in Not da war. „Kommen die Frauen ans Ruder, haben sie eine andere Sicht“, glaubt sie. Wenn die mittlerweile 82-Jährige aus dieser bewegten Zeit erzählt, wundern sich ihre Mitschwestern, wie sie bei alldem lebendig rausgekommen ist. Heute sei sie eine einfache Schwester, meint sie bescheiden und will nicht, dass ihr Name genannt wird.

Mit sieben Mitschwestern wohnt sie in einer der drei Lebensgruppen im Haus zusammen. In der kleinen Gemeinschaft ist ein wärmerer Umgang möglich als in der großen, hier frühstücken die Ordensfrauen, essen abends, finden in einem Wohnzimmer zusammen, räumen auch gemeinsam auf – wie in einer Familie.
Auch die Alten und Kranken haben im Kloster St. Josef ein Zuhause, bis Gott sie heimruft. Das Gatter, das den Pflegebereich des Klosters von den Aufenthaltsräumen im Erdgeschoss trennt, nennt Sr. Cordis kopfschüttelnd eine Schande – aber Vorschrift sei eben Vorschrift.

Wenn der Orden hier auch langsam kleiner wird, Schwestern Häuser aufgeben und Grundstücke verkaufen müssen – das Charisma der Guten Hirtinnen wird in anderen Erdteilen weitergetragen. Schwestern aus Sri Lanka und anderen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas kommen als Missionarinnen nach Europa. „Was wir vor Jahrhunderten gegeben haben, kommt zurück“, freut sich Sr. Cordis.

Den Guten Hirtinnen beim Helfen helfen: Sharing-Fair-Produkte, die Frauen und Mädchen in Not eine Lebensgrundlage geben, sind im Kloster St. Josef, Hellbrunner Str. 14, 5020 Salzburg, erhältlich.

In mehr als 75 Ländern leben 3.600 Gute Hir- tinnen über die ganze Welt verteilt, zeigt Sr. Maria Cordis auf der Karte. Schwestern aus Sri Lanka oder Indien kommen als Missionarinnen nach Europa. „Was wir vor Jahrhunderten gegeben haben, kommt zurück.“ Foto: sab