Gott gerade im Leidenden sehen

Zum Priestertag der Erzdiözese Salzburg kamen 160 Priester und Diakone ins Borromäum. Der Wiener Theologe Jan-Heiner Tück ging der Frage nach, „was mit Schuld passiert, die zu Lebzeiten der Beteiligten nicht begradigt werden kann“. Ob-wohl Versöhnungsprozesse immer schwierig und oft langwierig seien, „hilft der Blick aufs Kreuz, weil Jesus am eigenen Leib die Feindesliebe durchgehalten hat“.

Salzburg. In der vom Referenten zitierten Novelle „Das Konzert“ von Hartmut Lange geht es um die Frage, ob Leben im Tod nachgeholt werden kann. Der junge Pianist Lewanski, der von Nazis erschossen wurde, tritt wieder auf und ringt mit der Frage, ob und wie er den Tätern vergeben soll. Die Täter leiden in der Novelle an der Last ihrer Schuld und hoffen, dass Lewanski das Leben nachholen kann und damit ihre Tat widerrufen wäre.

„In Golgotha tritt Gott an die Stelle der Verlorenen“, sagte Tück. Obwohl es Geschehnisse gebe, da ein menschliches Verzeihen schier unmöglich sei, könnten Täter nicht auf Dauer über Opfer triumphieren. „Der Blick der Vergebung hilft, im Täter mehr zu sehen als die Summe seiner Untaten, ihn als vergebungsbedürftigen Nächsten anzunehmen, der zu Umkehr und Reue fähig ist“, so der Theologe.

Die Kraft des Kreuzes

Jan-Heiner Tück zitierte den 2007 verstorbenen Pariser Kardinal Jean Marie Lustiger, der vom Judentum zum Christentum konvertiert war: „Die Leiden der Opfer und ihr Sterben sind ein Teil der Leiden des Messias und eingeborgen in den Kelch Gottes wie die Tränen seiner Kinder.“ Man könne nur von einem Ort auf die Henker blicken: am Kreuz mit Christus. Gerade an den Kartagen und zu Ostern solle bewusst werden, „dass Christus die Mensch gewordene Vergebungsbereitschaft ist, die auf alle sieht, die der Vergebung bedürfen“, stellte der Theologe fest. Im Kreuz seien Potenziale, die unversöhnte Konstellationen in der Geschichte zur Versöhnung führen. „Gott lässt nichts unversucht“, schloss Tück. eds

 

Bildtext: Jan-Heiner Tück (Mitte) im Gespräch mit Dechant Klaus Erber, dem Vorsitzenden des Priesterrates, und Erzbischof Franz Lackner. Foto: eds