„Gutes Leben auf meinem Stück Land“

Brasilien. Nichts weiter als „vivir bem na minha terra“ wünscht sich Maria da Gloria de Jesus. Auf das „gute Leben auf meinem Stück Land“ wartet sie, ihre Familie und die Bewohner des Dorfes Serra do Padeiro in Brasilien jedoch seit vielen Jahren vergeblich. Sie gehören zum indigenen Volk der Tupinambá. SEI SO FREI unterstützt die Menschen beim Kampf um ihre Rechte. Die entwicklungspolitische Aktion der Katholischen Männerbewegung bittet um Online-Unterschriften, damit Dona Maria und alle anderen endlich offiziell und rechtlich abgesichert in ihrem Dorf leben können.

Bahia/Salzburg. Der Countdown für die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro läuft. Nach der Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2014 fließen erneut viel Steuermittel in ein Großereignis von dem die wenigsten Brasilianer etwas haben. Olympia, das ist für Janira Jesus Souza de Franca weit weg. Darüber könne sie wenig sagen, nur die Auswirkungen kenne sie. Wegen Olympia fehle das Geld für Schulen, Krankenhäuser oder Infrastruktur. Die langjährige SEI-SO-FREI-Projektpartnerin begleitete vor kurzem Maria da Gloria de Jesus vom indigenen Volk der Tupinambá nach Salzburg. Die Tupinambá in der brasilianischen Provinz Bahia setzen sich zur Wehr gegen die Ungerechtigkeit, die ihnen seit Jahren widerfährt – nicht mit Gewalt wie die Gegenseite, sondern mit Worten.
Eindringlich beschreibt Dona Maria, was für sie und die rund 800 Familien Serra do Padeiro bedeutet. „Wir sind seit Generationen in diesem Dorf, nie woanders. Das ist für uns heilige Erde, wo unsere Vorfahren begraben sind. Hier bin ich geboren, hier will ich einmal sterben. Die Großgrundbesitzer wohnen weit weg, sie kommen nur ab und zu, haben lediglich ihre Angestellten da. Ihr einziges Ziel ist es, aus dem Boden herauszuholen, was möglich ist, ihn auszubeuten. Wir leben mit der Natur. Wir schützen die Erde und den Wald.“

Überfälle auf das Dorf

Die Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden liegt beim Justizminister. Nur seine Unterschrift fehlt, damit das Territorium wieder den rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzern gehört. Die Tupinambá bemühen sich seit Jahrzehnten um die Rückgabe von Land, das ihnen einst weggenommen wurde. Doch bislang siegte die Gier der Großgrundbesitzer und Investoren nach kostbarem Holz, nach Bodenschätzen und nach Anbauflächen für Soja, Zuckerrohr oder Eukalyptus.

In den vergangenen Jahren kam es am Volk der Tupinambá wiederholt zu brutalen Übergriffen. Maria da Gloria de Jesus erinnert sich an einen besonders schlimmen Angriff im Jahr 2008: „Die Kinder waren mit dem Bus zur Schule unterwegs. Plötzlich kreiste ein Flugzeug am Himmel. Polizeiautos zwangen den Bus zum Halten, der Chauffeur wurde verhaftet, die Kinder mit Fußtritten zum Aussteigen gezwungen.“ Gleichzeitig seien Polizisten ins Dorf eingedrungen. „Überall war Rauch. Sie haben uns mit Gummigeschoßen attackiert, die Häuser angezündet und die Ernte auf den Feldern verbrannt.“ Es gab mehrere Verletzte. Dona Maria trug eine tiefe Wunde an der Brust davon. Bei ihrem Salzburgbesuch spricht sie auch über ihren Sohn Babau. Er ist der Häuptling des Dorfes. Nur knapp sei er einem Mordkomplott entkommen. Im Jahr 2013 sollte er zu Papst Franziskus reisen. „Man hat ihm einfach den Pass weggenommen. Er konnte Brasilien nicht verlassen.“ Bis heute ist Kopfgeld auf ihn ausgesetzt und im Radio sind Drohungen gegen Indios keine Seltenheit.

Indigener Lebensraum

Die brasilianische Verfassung garantiert den Indios ihr Land als Überlebensraum. Doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Nicht wenige Politiker werden mehr von den Interessen der Großgrundbesitzer bestimmt als von ihrer Verpflichtung, die Urbewohner schützen. „Die Regierung sagt: Indigene und Kleinbauern verhindern den Fortschritt. Sie würden den Boden nicht produktiv nutzen. Doch das ist Unsinn“, weiß Janira Jesus Souza de Franca. „Lediglich 15 Prozent des landwirtschaftlichen Landes sind in den Händen von Kleinbauern. Sie sind es aber, die 70 Prozent der Lebensmittel für die brasilianische Bevölkerung produzieren.“ Janira Jesus Souza de Franca setzt sich für die Rechte der Land­losen, Kleinbauern und indigenen Völker ein. Für ihr langjähriges Engagement erhielt sie 1992 den Romero-Preis der Katholischen Männerbewegung.

Recht auf Bildung und Land

Janira hat sich als Lehrerin und Direktorin der Landwirtschaftsschule „Margarida Alves“ der Bildung in den Dörfern angenommen. Mit ihrem Team lehrte sie die Jugendlichen Kleintierhaltung und biologische Anbauweise. Sie bezog stets die Eltern und Gemeindemitglieder ein. Die zwei großen Themen sind und waren die Ernährungssicherheit und die Gender-Frage. „Lange galt die Frau als Eigentum des Mannes. Wir klärten die Frauen über ihre Rechte auf, begleiteten sie zu Behörden, damit sie Dokumente und Versicherungspapiere erhalten. Eine Gleichstellung ist noch nicht erreicht, häusliche Gewalt präsent, doch die positive Entwicklung ist nicht aufzuhalten.“ Vor 20 Jahren sei es auch noch undenkbar gewesen, dass die Tochter, der Sohn eines Kleinbauern zur Uni geht.

Mittlerweile haben sich immer mehr Gemeinden eigene Schulen erkämpft. „Margarida Alves“ hat sich zu einem Zentrum gewandelt, in der aktuell die Arbeit am Bewusstsein für afrikanische Traditionen im Vordergrund steht. In Bahia sind die Mehrheit Afro-Brasilianer. „Oft schämen sich Leute, afrikastämmig zu sein“, so Janira und sie unterstreicht: „Je schwärzer, desto mehr Diskriminierung.“ Dass etwa die Polizei gewalttätiger gegen Schwarze vorgeht, sei nur ein Beispiel.

In das Dorf der Tupinambá, nach Serra do Padeiro, kommt Janira seit mehreren Jahren. Am Beginn stand ein Wiederauffors-tungsprogramm. In der Landfrage „kämpfen“ Janira und Maria heute Seite an Seite. Trotz aller Rückschläge und Angriffe sind sie zuversichtlich. „Alles was wir wollen ist, in Frieden und im Einklang mit Wald, Flüssen, Erde und Tieren auf unserem Land leben zu können“, betont Dona Maria.

Petition unterschreiben

Der Kampf um ihre Landrechte hat bei den Tupinambá aus Serra do Padeiro im Süden Bahias eine lange und schmerzhafte Geschichte. Seit 2001 läuft der Prozess, ihr Territorium auch rechtlich abzusichern. Bereits seit sechs Jahren liegen die fertigen Dokumente im Justizministerium und warten auf die Unterschrift des zuständigen Ministers. Eine Unterschriftenaktion soll Druck auf den Politiker ausüben, den Tupinambá endlich ihr Recht auf Land zu gewähren und sie so vor gewaltvollen Übergriffen, Diskriminierung und Rassismus schützen. „Mit der Unterstützung aus Osterreich, aus Europa können wir das erreichen!“, ist Maria da Gloria de Jesus sicher.

Mit einer Unterschrift unterstützen Sie die Tupinambá im Kampf um Land. Einfach unter www.seisofrei.at Petition unterzeichnen.

Das lange Warten auf Gerechtigkeit

☛ Im 16. Jh. Ankunft und großflächige Ansiedlung der Portugiesen in Brasilien, als die Tupinambá bereits in der Region um das Dorf Serra do Padeiro lebten. Die ersten Vertreibungen.
☛ 1964 –1985: Während der Militärdiktatur Verbot von Kultur und Tradition der Indigenen.
☛ 1988: Offizielle Anerkennung der Rechte der Indigenen. Beschluss der Rückgabe ihres angestammten Landes. Gegen die Umsetzung der Gesetze treten die mächtigen Großgrundbesitzer auf, die sich auf Tupinambá-Ländereien niedergelassen haben.
☛ Bis 2010: Angriffe auf das Dorf durch Polizei und Armee, Verhaftungen inklusive Folterungen, Morddrohungen und Rufschädigung.
☛ Seit 2010: Teilweise Beruhigung der Lage, allerdings immer wieder Sperre der Zufahrtsstraße ins Dorf.
☛ 2015: Zusage des Justizministers, den Antrag zu unterschreiben, der das Territorium den rechtmäßigen Besitzerinnen und Besitzern zuspricht. Bisher ist das jedoch nicht passiert.

Die Polizei und Armee greifen in der Landfrage immer wieder ein – mit Gewalt. Fotos: SEI SO FREI/ibu

Maria da Gloria de Jesus: „Wir wollen, dass der ewige Kampf und die Gewalt ein Ende haben und in Frieden in unserem Dorf leben.“

Janira Souza de Franca ist Pädagogin, Menschen- rechtlerin, Agrarexpertin und Romero Preisträgerin.