„Hier will ich bleiben“

Zufälle brachten Annie Shori immer wieder zu den Halleiner Schwestern Franziskanerinnen

Oberalm. Vor zwei Jahren legte Annie Shori ihr erstes Ordensgelübde ab. Das war nicht nur für die nunmehrige Schwester Maria Annie ein besonderer Tag. Nach einem guten Vierteljahrhundert freuten sich die Ordensfrauen wieder über eine Profess in ihren Reihen. Sr. Maria Annies Weg bis dahin war alles andere als vorhersehbar. Sie ist vor 33 Jahren in eine Hindu-Familie hineingeboren. 

Sie ist auf den ersten Blick als Ordensfrau zu erkennen. Obwohl Schwester Maria Annie nicht müsste, trägt sie einen Schleier. „Zum einen muss ich so niemanden erklären, wer ich bin. Zum anderen ist es ein kleiner Fingerzeig nach oben mit der Botschaft: Ich fühle mich wohl, wo ich gerade bin.“ 

Die Eltern kommen aus New Delhi in Indien. Wie die Mehrheit der Bevölkerung sind sie Hindus und damit auch ihre Kinder. Annie Shori ist in Salzburg geboren und aufgewachsen. Sie ging gerne zur Schule und weil es eben keinen hinduistischen Religionsunterricht gab, besuchte sie den katholischen. Als sich ihre Freunde auf die Erstkommunion vorbereiteten, sollte damit Schluss sein. Jemand fragte die kleine Annie, ob sie sich taufen lassen wolle. „Es war nicht der richtige Zeitpunkt. Damals hätte ich das nur gemacht, um mich nicht ausgeschlossen zu fühlen.“ Und trotzdem, irgendwie habe sie heute das Gefühl, „das war das erste Mal als Gott bei mir angeklopft hat“.   

Lebensweg mit Abzweigungen 

„Etwas fehlte in meinem Leben. Ich war auf der Suche.“ So beschreibt die Ordensfrau eine orientierungslose Phase mit Anfang zwanzig. Über eine Arbeitskollegin kam sie zu den Zeugen Jehovas. „Ein Schlüsselmoment war, als ich bei einem Treffen die Offenbarung hörte. Ich war fasziniert.“ Die Zeugen Jehovas ließ sie bald wieder hinter sich, aber etwas Entscheidendes blieb: „Ich hatte Jesus kennen gelernt“. Sie verbrachte von nun an häufig Zeit im Dom und wollte mehr vom katholischen Glauben wissen. „Die Sehnsucht war da.“ So schrieb sie kurzerhand an Pater Hermann Imminger, den Pfarrer der Salzburger Stadtpfarre Parsch. Er lud sie zu einem Lobpreisabend ein. Danach reifte langsam die Entscheidung: Ich möchte mich taufen lassen. Dass relativ zeitgleich die Halleiner Schwes-tern Franziskanerinnen auf ihrer Bildfläche erschienen, beschreibt sie als glückliche Zufälle. „Ich habe damals Deutsch und Englisch auf Lehramt studiert.“ Beim Durchfors-ten der Stellenanzeigen für einen Nebenjob sei sie auf ein Inserat des Ordens gestoßen: Buchhalterin gesucht. Sie habe zwar Buchhaltung gelernt, in diesem Bereich arbeiten wollte sie eigentlich nicht mehr. Trotzdem hat sie sich beworben und wurde genommen. Die andere Begegnung verdankt sie einer Freundin. „Sie hat mich zu einer Bibelrunde mitgenommen. Was ich nicht wusste: der Ort des Geschehens war ebenfalls bei den Halleiner Schwestern Franziskanerinnen.“

Beziehung zu Gott ist gewachsen 

Annie Shori taucht jeden Tag tiefer in die Welt des Ordens ein. Sie lässt ein Gedanke nicht mehr los: „Genau so  möchte ich leben.“ Es folgten viele Gespräche mit Generaloberin Sr. Emanuela Resch. Mit 28 Jahren ist sie in die Gemeinschaft eingetreten, nach dem Postulat und dem Noviziat feierte sie schließlich 2018 die erste zeitliche Profess. Das Ordensgelübde ablegen heißt für sie: „Ich habe die passende Lebensform gefunden.“ Für die Eltern seien die Jahre der  Suche und dann das Ankommen bei Gott nicht immer nachvollziehbar gewesen. Unausgesprochen stand die Frage im Raum: „Haben wir aus unserer Religion zu wenig weitergegeben?“ Mittlerweile sei die Familie mit der Entscheidung glücklich.   

Warum lässt sich eine junge Frau überhaupt auf ein Leben im Orden ein? „Mein Entschluss ist wie die Beziehung zu Gott gewachsen“, antwortet Sr. Maria Annie. Und: „Gott hat mich geführt.“  Öfters komme in Gesprächen die Frage auf, ob ihr nicht etwas fehle. „Eigentlich müsste sich das jeder Mensch stellen. Jede Entscheidung für etwas ist doch mit Verzicht auf etwas anderes verbunden.“   

Schwester Maria Annies Daheim ist heute die Gemeinschaft in Oberalm. Sie ist nach wie vor für die Buchhaltung des Ordens zuständig. Dass unter den Schwestern niemand in ihrem Alter ist – die nächstjüngste ist 58 – sei kein Thema. Für mich ist das Zusammenleben mit den Älteren ein Geschenk. „Ich möchte für sie im Haus eine Konstante sein. Das bedeutet auch, da zu sein, wenn eine Schwes-
ter stirbt. Ich denke, das ist mein Weg weiter zu lernen und mich zu entwickeln“, so Sr. Maria Annie. Sie sagt, sie wisse  natürlich nicht, was die Zukunft bringt, aber sie verspüre den einen starken Wunsch: „Ich möchte bleiben.“ 2021 bindet sie sich für weitere drei Jahre, danach folgt die ewige Profess.   

Foto: Schwester Maria Annie HSF sagt, sie ist nach langem Suchen angekommen. „Mein Platz ist bei den Halleiner Schwestern Franziskanerinnen.“ 

Foto: RB/ibu