Hilfe ist effektiver als jeder Zaun vom 07.04.2016

Irak. „Hilfe vor Ort ist effektiver als jeder Zaun.“ Das betont Kardinal Christoph Schönborn. Er war zu einem Solidaritätsbesuch bei Christen sowie kirchlichen und politischen Vertretern im Irak.

Erbil. „Es genügen vergleichsweise geringe Mittel, wenn wir den Menschen hier vor Ort helfen würden“, so der Wiener Erzbischof. Wenn Menschen in ihrer Heimat selbst eine Zukunft erkennen könnten, würden sie sich nicht auf den gefährlichen Weg in Richtung Europa machen. Dies sei „eine europäische Aufgabe, aber auch eine österreichische“. Schönborn besuchte Flüchtlingslager in der autonomen irakischen Region Kurdistan. Er sprach den Menschen Mut zu. Zugleich rief er seine Kollegen im Bischofsamt auf, weiterhin die Christen in der Region der Solidarität zu versichern. Ebenso wichtig sei es, die Hilfsprogramme für die Flüchtlinge in den Ländern um Syrien nicht herunterzufahren. „Das ist fatal, denn dann entscheiden sich noch mehr Menschen, die Flucht als Alternative zu wählen.“

Schließlich warnte Schönborn vor einem undifferenzierten Blick auf den Islam: Zwar seien die Er-fahrungen der Christen ernst zu nehmen, die auf eine zum Teil jahrhundertealte Konflikt- und Unterdrückungsgeschichte zurückblicken können; zugleich jedoch gebe es „Stimmen, die durchaus Chancen für ein tolerantes künftiges Zusammenleben sehen“, sagte der Kardinal. Es gelte, auf der einen Seite nicht „blauäugig“ zu sein im Blick auf radikalen Islamismus, auf der anderen Seite jedoch müsse mit dem Islam ein direkter, offener Dialog gepflegt werden – dies sei „allemal besser, als um den heißen Brei herumzureden“.

Schutz für Christen

Der chaldäisch-katholische Pa-triarch Louis Raphael Sako begleitete Kardinal Schönborn in Erbil. Sako berichtete, dass rund 120.000 Christen 2014 im Nordirak vor der Terrormiliz IS aus Mosul und der Ninive-Ebene fliehen mussten. Der Großteil hat sich in die sichere kurdische Autonomieregion gerettet, und wartet dort nach wie vor ab. Eine Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Heimat hält er nur dann für realistisch, wenn sie von einer internationalen Streitmacht geschützt werden.

Die einzige Chance für eine po-sitive Zukunft des Landes sieht Patriarch Sako in der strikten Trennung von Religion und Staat. Im Irak müsse sich eine neue „Kultur und Mentalität der Staatsangehörigkeit“ herausbilden.
kap

Besuch bei christlichen Flüchtlingen in einem Camp in Erbil: der syrisch-katholische Erzbischof von Mosul, Boutros Moshe, der chaldäisch-katholische Patriarch Louis Sako und Kardinal Christoph Schönborn (v. l.). Foto: kap/Pulling