Himmelschreiende Ungerechtigkeit

Missio. „Aufklärung ist im Kampf gegen Menschenhandel entscheidend. Wir müssen über die Gefahren sprechen. Viele geraten unbewusst auf der Suche nach Arbeit in die Hände der Verbrecher, die ihnen ein besseres Leben versprechen und sie dann missbrauchen“, sagt Sophie Otiende. Sie ist eine Stimme der Opfer und Koordinatorin von „Awareness Against Human Trafficking“– kurz HAART.  Missio unterstützt die Organisation, die in Kenia tätig ist. Das ostafrikanische Land steht heuer im Mittelpunkt des traditionellen Weltmissions-Sonntags. In allen Pfarren auf der ganzen Welt wird für die soziale und pastorale Arbeit der Kirche in den ärmsten Diözesen gesammelt und gebetet.

Salzburg/Nairobi. Es gibt weltweit jedes Jahr rund 2,4 Millionen Opfer. Betroffen sind vor allem Kinder und junge Frauen aber auch Männer. Das Geschäft mit der Handelsware Mensch ist heute neben dem Drogen- und Waffenhandel die lukrativste globale Einnahmequelle. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schätzt die jährlichen Gewinne auf 32 Milliarden Dollar. 

Kenias Hauptstadt Nairobi hat sich neben Lagos in Nigeria zu einer der größten Drehscheiben des Menschenhandels in Afrika entwickelt. Sexuelle Ausbeutung, Zwangsarbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen und der Handel mit Organen sind weit verbreitet. Armut und Perspektivenlosigkeit sind laut Sophie Otiende der perfekte Nährboden für Menschenhändler. 46 Prozent der Bevölkerung in Kenia leben unter der Armutsgrenze. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei nur 1.160 Dollar im Jahr. Drogen, Gewalt und eine hohe Arbeitslosigkeitsrate in den Slums treiben viele Kenianer dazu, zweifelhafte Jobangebote im In- und Ausland anzunehmen. Ein Großteil landet in der Zwangspros-titution und andere als Arbeitssklaven in Industrieländern oder privaten Haushalten. 

Halt machen die Menschenhändler auch nicht vor Kindern. Sie sind brutaler Ausbeutung, dem systematischen Missbrauch und Gewalt ausgeliefert. Sie müssen schwere körperliche Arbeit verrichten, betteln gehen oder werden zwangsverheiratet. „Ein Kind ist schutzlos, kann sich nicht verteidigen“, unterstreicht Otiende. Sie verweist darauf, dass nicht selten Familienmitglieder involviert sind. Darüber zu sprechen sei in Kenia das größte Tabu.

Das Schweigen brechen 

Sophie Otiende ist eine Aktivistin für die Rechte der Opfer. Sie ist auch eine „Überlebende“ wie sie selbst erklärt. Sie war im Alter von 13 Jahren im Haus ihres Onkels gefangen. Sie wurde geschlagen und sexuell missbraucht. „Mein Vater hat seinen Job verloren. Damit begann der rasche Abstieg unserer Familie. Am Tiefpunkt landeten wir im Slum“, erinnert sich Sophie. Damit sie weiter zur Schule gehen konnte, kam sie zum Onkel. „Natürlich vertraute mein Vater seinem Bruder.“ Doch Sophie wurde von ihm gedemütigt und wie eine Sklavin behandelt. Kontakt zu ihren Eltern durfte sie nicht aufnehmen. Ihr Martyrium endete nach einem Jahr. Die Verarbeitung dauerte sehr viel länger. Wichtig seien damals ihre Freunde gewesen: „Manche Dinge konnte ich meinen Eltern nicht erzählen. Es hätte ihr Herz gebrochen. Aber guten Freunden gegenüber konnte ich mich öffnen. Sie hörten mir zu, sie weinten und schrien mit mir.“ 

 Sophie  studierte Pädagogik und Wirtschaft an der Kenyatta Universität in Nairobi. Heute ist sie Projektberaterin und Koordinatorin bei HAART. Die Organisation ist die einzige im Land, die sich dem Thema Menschenhandel annimmt und sich für die Betroffenen einsetzt. Das Problem muss viel stärker ins Bewusstsein der Menschen, ist Sophie Otiende überzeugt. „Wir müssen offen reden.“ Gemeinsam mit ihrem Team und Freiwilligen organisiert sie deshalb Präventions-Workshops in Schulen und Pfarren.        

„Schutzhaus“ für Kinder

Die 2010 von Anwälten, Menschenrechtlern und Missionaren gegründete Organisation HAART kümmert sich um die Opfer. „Unsere Priorität liegt bei den Kindern. Sie bekommen Essen, werden medizinisch versorgt und haben Zugang zu Therapien.“ Und HAART stellt Opfern des Menschenhandels einen Anwalt zur Seite, wenn es zu einem Prozess kommt. Die Leute könnten sich einen rechtlichen Beistand nicht leisten. 

Vom Staat gebe es weder für die Opfer noch für HAART Unterstützung. „Deshalb sind wir sehr dankbar für die Spenden aus Österreich und die Hilfe von Missio“, erklärt Otiende, die noch auf die globalen Zusammenhänge aufmerksam macht und wie wenig derzeit Gesetze in der Bekämpfung des Menschenhandels greifen. „In Kenia haben wir schon Gesetze, doch bei der Umsetzung hakt es extrem. Dazu kommt, dass meist eine Vielzahl von Akteuren in unterschiedlichen Ländern verstrickt ist“, betont die junge Frau, die ihren „Kampf“ gegen Menschenhandel weiterführen wird. Drohungen halten sie nicht auf, so Sophie, die von einem Vorfall berichtet, als sie sich mit einer Mitarbeiterin im Büro verbarrikadieren  musste. „Zum Glück war die Polizei rasch da. Aber wir wissen, unsere Arbeit ist nicht ungefährlich. Wir haben es mit Kriminellen zu tun.“

Papst-Worte als Stärkung  

Rückendeckung bekommt Sophie Otiende vom Papst. Er bezeichnet Menschenhandel als „offene Wunde“ und „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Franziskus unterstützt die Vernetzung internationaler Organisationen (NGOs), die sich gegen diese „himmelschreienden Verbrechen“ stellen. HAART ist eine dieser Organisationen.

Fotos (Missio): Bittere Armut, fehlende Bildung, Perspektivlosigkeit und ein schwieriges familiäres Umfeld machen aus vielen Menschen leichte Beute für Menschenhändler. Auch Kinder sind zunehmend betroffen. 

Sophie Otiende ist die Stimme der Opfer und kämpft für deren Rechte.

Was bedeutet Mission?

Der Sonntag der Weltmission lädt auch dieses Jahr ein, uns um die Person Jesu zu versammeln. Er ist der allererste und größte Verkünder des Evangeliums, der uns fortwährend aussendet, das Evangelium der Liebe des Vaters mit der Kraft des Heiligen Geistes zu verkünden. Papst Franziskus schreibt in seiner Botschaft zum Weltmissionssonntag: „Dieser Tag lädt uns ein, erneut über die Mission im Herzen des christlichen Glaubens nachzudenken. Denn die Kirche ist ihrem Wesen nach missionarisch; wäre sie es nicht, dann wäre sie nicht mehr die Kirche Christi, sondern ein Verein unter vielen anderen, der sein Ziel bald erreicht hätte und dann verschwinden würde.“           

Fragen wir uns also: Was bedeutet Mission? Mission ist ein Wort das heute oft in Wirtschaft, Politik und Forschung verwendet wird, aber seine ursprüngliche Bedeutung darf nicht verloren gehen. Leider wird das Wort oft auch von Katholiken nicht mehr verstanden. Papst Franziskus erklärt dazu: „Die Mission der Kirche, die sich an alle Menschen guten Willens richtet, gründet auf der verwandelnden Kraft des Evangeliums. Das Evangelium ist eine Frohe Botschaft, die eine ansteckende Freude in sich trägt, weil sie das neue Leben enthält und schenkt: das Leben des auferstandenen Christus, der seinen lebensspendenden Geist mitteilt und so für uns Weg, Wahrheit und Leben wird.“                       

Die Kirche soll missionarisch sein betont Franziskus immer wieder. Eine missionarische Kirche muss, gelegen oder ungelegen, den Opfern von Armut und Gewalt eine Stimme geben und ihre Interessen vertreten. 

Im Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe heißt es: „Auch wir brauchen eine Stärkung der missionarischen Aufbrüche in unserem eigenen Heimatland. Wenn es uns bedrückt, dass die Weitergabe des Glaubens an nachfolgende Generationen bei uns keineswegs mehr selbstverständlich ist und uns immer mehr Kinder und Jugendliche fehlen, dann sollten wir auf Papst Franziskus hören. Er fordert die Päpstlichen Missionswerke Missio auf: Fangt mit dem Gebet an! Versetzt eure Heimat in eine missionarische Aufbruchsstimmung.“  

Missio hat daher die Gebetsbewegung, „Gott kann“ gestartet, an der jeder teilnehmen kann. Das Ziel ist, täglich für einen konkreten jungen Menschen in Österreich zu beten, dass er zum Glauben findet und die Liebe Gottes kennen lernt. Lassen wir uns vom missionarischen Eifer unseres Heiligen Vaters anstecken!

Bischofsvikar Prälat Martin Walchhofer ist Missio-Diözesandirektor.