Im Verzeihen wird die Wunde zur Perle

„Denen, die uns beleidigen, gern verzeihen“ ist das sechste Werk der Barmherzigkeit. Es lässt mich barmherzig sein an dem, der mich beleidigt hat, aber auch an mir selbst. Für uns beide ist es heilsam, zu verzeihen und zu vergeben. 

P. Anselm Grün OSB

Das deutsche Wort „beleidigen“ kommt von dem alten Adjektiv „leid“, das „unangenehm, hässlich, widerwärtig, betrübend“ bedeutet. Beleidigen meint also: kränken und verletzen und betrüben. Vieles kann uns beleidigen und uns Leid zufügen. Es kann ein kränkendes Wort sein, das alte Wunden in uns aufreißt. Jeder von uns hat seine empfindliche Stelle.
Der Beleidiger hat oft ein feines Gespür dafür, was unsere Schwachstelle ist. In die lässt er sein verletzendes Wort fallen, damit die alte Wunde wieder zu schmerzen beginnt. Beleidigen kann auch ein Übergehen sein. Der andere beachtet uns gar nicht. Er tut so, als ob wir Luft seien. Wer uns beschimpft und schlecht über uns redet, wer uns vor anderen lächerlich macht, wer uns widerwärtig und unfair behandelt, wer uns entwertet, indem er uns links liegen lässt, der beleidigt uns. 

Verzeihen und vergeben

Das sechste Werk der Barmherzigkeit fordert mich auf, denen, die mich beleidigen, gern zu verzeihen. Viele fühlen sich damit überfordert. Doch was heißt verzeihen? Das Wort „verzeihen“ kommt von „zeihen“ = beschuldigen, anschuldigen, anzeigen. Verzeihen bedeutet dann: Verschuldetes nicht anrechnen, einen Anspruch auf Wiedergutmachung aufgeben. Im Deutschen verwenden wir fast gleichbedeutend die beiden Worte „verzeihen und vergeben“. Vergeben hat jedoch eine etwas andere Bedeutung. Es meint: weggeben, erlassen, wegschicken. Vergeben ist also nicht etwas Passives. Es hat nichts mit Nachgeben zu tun. Wenn wir Vergebung richtig verstehen, ist sie nicht nur ein Werk der Barmherzigkeit dem Beleidiger gegenüber, sondern auch uns selbst gegenüber. Es tut uns selbst gut.

Den Schmerz zulassen

Aber wir müssen Vergebung auch psychologisch richtig verstehen. Vergebung geschieht für mich in fünf Schritten. Der erste Schritt besteht darin, den Schmerz nochmals zuzulassen. Ich darf die Beleidigung des anderen nicht verharmlosen oder zu schnell entschuldigen: „Er hat es ja nicht so böse gemeint.“ Ganz gleich, wie er es gemeint hat: Mir hat es weh getan. Ich überspringe meinen Schmerz nicht, sondern schaue ihn nochmals an und fühle mich in ihn hinein.

Wut zulassen

Der zweite Schritt besteht darin, die Wut zuzulassen. Die Wut ist die Kraft, den, der mich beleidigt hat, aus mir herauszuwerfen. Ich schaffe eine gesunde Distanz zu ihm. Wenn ich das Messer des Beleidigers noch in meiner Wunde ­belasse, dann gelingt Vergebung nicht. Sie wäre höchstens ein masochistisches Wühlen in meiner Wunde. Die Wut wirft mit Kraft das Messer aus mir heraus. Nur dann kann die Wunde heilen. Ich brauche erst Abstand zu dem, der mich beleidigt hat. Dann komme ich zu mir. Und ich kann die Wut auch in Kraft verwandeln: „Ich lasse mich vom Beleidiger nicht kaputt machen. Ich kann selber leben. Ich habe es nicht nötig, von ihm anerkannt zu werden. Ich trage meine Würde in mir selbst. Ich bin nicht von seiner Beurteilung abhängig.“ Wenn ich die Wut in Ehrgeiz verwandle, selber mein Leben in die Hand zu nehmen, dann steige ich aus meiner Opferrolle aus. Und das befreit mich. Denn es tut mir nicht gut, Opfer zu bleiben.

Ansehen und verstehen

Der dritte Schritt besteht dann darin, dass ich objektiv anschaue, was bei der Beleidigung geschehen ist. Hier geht es darum, die Beleidigung, den Beleidiger und mich selbst als Beleidigten zu verstehen, ohne zu bewerten. Ich schaue nochmals an, wie die Beleidigung abgelaufen ist. Hat der andere nur seine eigene Unzufriedenheit oder seine eigene Verletzung weitergegeben? Haben seine Worte, ohne dass er es wusste, mich so tief verletzt, weil sie meine alte Wunde aufgerissen haben? Ich entschuldige nicht, aber ich beschuldige auch nicht. Ich versuche nur, zu verstehen. Und nur wenn ich mich selbst verstehen kann, kann ich zu mir stehen.

Der Schritt zur Vergebung

Der vierte Schritt ist die eigentliche Vergebung. Vergebung ist dabei ein aktives Tun. Ich befreie mich von der Macht des anderen, der mich beleidigt
hat. Und ich befreie mich von der negativen Energie, die durch die Beleidigung des anderen noch in mir ist. Wenn ich nicht vergeben kann, bin ich noch an den anderen gebunden. Ich lasse meine Stimmung noch von ihm bestimmen. In der Vergebung reiße ich mich los von der Bindung an den anderen. Ich lasse ihn sein, wie er ist. Das bedeutet nicht, dass ich ihm gleich um den Hals falle. Es kann durchaus sein, dass ich noch längere Zeit des Abstands brauche, damit die Vergebung sich in mir durchsetzen kann, dass sie nicht nur ein Akt des Willens bleibt, sondern auch in mein Herz dringt.

Die Wunde wird zur Perle

Der fünfte Schritt der Vergebung würde dann darin bestehen, die Wunde in eine Perle zu verwandeln, wie das die hl. Hildegard von Bingen ausgedrückt hat. Dort, wo ich verletzt ­worden bin, bin ich auch aufgebrochen ­worden für mein wahres Selbst. Meine Masken und Rollen wurden zerbrochen. Und durch die Wunde hindurch erkenne ich ­meine eigenen Fähigkeiten. Ich mache mich auf den Weg, bewusster zu leben. So handle ich im sechsten Werk barmherzig an dem, der mich beleidigt hat, aber auch an mir selbst. Für uns beide ist es heilsam, zu verzeihen und zu vergeben.

In der aufgebrochenen Schale der Muschel liegt die Perle. Foto: Wikimedia commons