In die Zukunft denken

Vor 36 Jahren, am 31. März 1984, verstarb der deutsche Theologe Karl Rahner

Gedanken zum Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance verfasste Karl Rahner 1972 zur Würzburger Synode (1971– 1975). Ziel dieser gemeinsamen Synode der deutschen Bistümer war die Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Zentral für seine Überlegungen sind die Fragen:  Wo stehen wir?  Was sollen wir tun?  Wie kann eine Kirche der Zukunft gedacht werden? Wüsste man nicht, dass die Zeilen vor fast 50 Jahren verfasst wurden, könnte man meinen, Karl Rahner erteile Ratschläge für die Erneuerungs- und Suchprozesse der Kirche heute.

Kirche der Zukunft

Mitten in eine Situation hinein, in der die Kirche nicht mehr selbstverständlich ist, wie sie es früher war, ermutigt Karl Rahner dazu, in die Zukunft zu denken. Dem möglichen Vorwurf, dass seine Thesen utopisch wären, setzt er entgegen, dass „Uto-pien das Wetterleuchten heute der Möglichkeiten von morgen sein können“ (17). Bei der Lektüre stellt man fest, dass einerseits die Charakterisierung der Situation, in der sich die Kirche befindet, brandaktuell ist und andererseits die erwähnten Möglichkeiten bisher in der römisch-katholischen Kirche noch kaum realisiert sind. Dennoch und gerade deswegen lohnt es sich, bei Rahner nachzulesen.

Kirche für die Menschen

In seinen Ausführungen tritt Karl Rahner vehement für eine offene Kirche ein, die sich nicht von der Welt abschottet, sondern in der Welt die Frohe Botschaft verkündet. Die Kirche ist dabei nicht Selbstzweck, sondern ist dazu da, für die Menschen da zu sein. Dem entspricht auch seine Vision einer entklerikalisierten Kirche, einer Vision, in die auch Papst Franziskus einstimmt, wenn er vor dem Klerikalismus warnt. Mit Hinblick auf den schon vor 50 Jahren (!) abzusehenden Mangel an Gemeindeleitern plädiert Rahner für eine Veränderung der Zugangsbedingungen zu kirchlichen (Weihe-)Ämtern und denkt die Ordination von verheirateten Männern sowie auch Frauen an.

Kirche in der Welt

Kennzeichnend für die Theologie Karl Rahners ist das Bemühen, sich ganz auf die konkrete Situation der Welt und der Menschen einzulassen und von dort aus das Evange-
lium fruchtbar zu machen. Vor diesem Hintergrund machte sich Rahner stark für den Dialog der Theologie mit den modernen Naturwissenschaften. Glauben und Denken waren für ihn kein Gegensatz, sondern gehörten für ihn als Christen und Theologen untrennbar zusammen. Essenziell blieb dabei für ihn der Respekt vor dem unbegreiflichen Geheimnis Gottes. Entscheidend bei Rahner und bei der Lektüre des Buchs mitzubedenken ist auch, dass seine Theologie und alle diese Strukturüberlegungen auf einem lebendigen Glauben und gelebter, tief im Gottesgeheimnis verwurzelter Spiritualität gegründet sind.

Die Aktualität der Überlegungen Karl Rahners zur Würzburger Synode zeigt sich nicht zuletzt daran, dass sein Buch „Strukturwandel der Kirche“  2019 vom Herder-Verlag neu aufgelegt wurde. Ein Vorwort des Münsteraner Theologieprofessors Michael Seewald, einem der spannendsten zeitgenössischen Theologen, ergänzt diese Neuauflage. Seewald erhielt übrigens 2016 den Karl-Rahner-Preis der Universität Innsbruck verliehen. 

Selbst wenn man nicht mit allen Thesen Karl Rahners übereinstimmt, regt sein Text zum Nachdenken an. Es drängen sich Fragen auf, denen sich die Kirche von heute nicht (mehr) entziehen darf und kann.                     Ursula Eisl


Buchtipp: Karl Rahner: Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance. Mit einer Einleitung von Michael Seewald. Verlag Herder. Freiburg im Breisgau 2019, 168 Seiten, 978-3-451-38531-5.