„Irgendwo hin, wo es besser ist“

Ohne Rechte. Mindestens 250.000 MigrantInnen leben im Libanon. Eine von ihnen ist Meskawet aus Äthiopien. Mit dreizehn hat sie die Schule gegen einen schlecht bezahlten Hoteljob getauscht. „Meine Familie ist arm. Es ging nicht anders.“ Ein Freund überredete sie, in den Libanon zu kommen. Hier gebe es gute Arbeit und gutes Geld zu verdienen. Das war vor zehn Jahren. Heute sitzt die junge Frau desillusioniert, mittellos und ohne Papiere – die hat ihr früherer Arbeitgeber einbehalten – in einem kleinen Zimmer in Beirut und weiß nicht weiter. 

Beirut. An den Straßenlärm, der auch durch das geschlossene Fenster dringt, hat sich Meskawet gewöhnt. Traurig macht sie, dass ihre Dina zum Spielen nicht raus kann. „Das wäre zu gefährlich.“ Im kleinen Zimmer, das Mutter und Tochter bewohnen, ist kaum Platz. So breitet sich die Dreijährige auf dem Bett mit ihrer Puppe und den Plüschtieren aus. Im Erdgeschoss gibt es zwei weitere Zimmer, eine Küche und Toilette. Insgesamt leben 20 Personen in diesen beengten und heruntergekommenen Verhältnissen. 350 Dollar pro Monat verlangt der Vermieter. „Das Zusammenleben mit den anderen ist schwierig. Es ist keine sichere Umgebung. Ich werde oft belästigt, traue mich kaum vor die Tür.“

Als Meskawet schwanger wurde, schmiss sie ihr Chef raus. Er hatte sie Jahre zuvor mit einem Arbeitsvertrag in den Libanon geholt. „Es gab von Anfang an Probleme. Ich hatte nie frei und bekam am Tag oft nur ein Sandwich. Mein Boss sagte dann: Du bist zum Arbeiten und nicht zum Essen gekommen.“ 

„Meine Tochter soll es besser haben“

Die Arbeitgeber der ausländischen Hausmädchen, maids genannt, haben alle Vorteile auf ihrer Seite: Das Geld, die Macht und die Kenntnis der Sprache. Routinemäßig werden die Ausweise von Migrantinnen konfisziert. Laufen die Frauen weg, stehen sie ohne Geld und Papiere da, in einem fremden Land und in der ständigen Angst als Illegale von der Polizei aufgegriffen zu werden. Auch Meskawet hat keinen Pass und ihre Tochter keine Geburtsurkunde. 

Bis vor einigen Monaten hat die 31-Jährige noch regelmäßig einen Putzjob gefunden. Doch die Konkurrenz wird vor allem am informellen Arbeitsmarkt immer härter und nun ist die Alleinerzieherin ohne Einkommen. „Freunde helfen mir mit ihren Ersparnissen.“ Trost findet die Christin in der äthiopischen Gemeinde und im Glauben. „Ich bin jeden Sonntag in der Kirche mit Dina.“ Für die Zukunft wünsche sie sich „ein sauberes Haus für Dina und mich“. Ihre Tochter soll einmal ein glückliches Leben führen. „Deshalb bin ich sehr froh, dass sie seit kurzem in Beth Aleph in die Kindergartenklasse geht.“ Sie soll Englisch lernen und alles was sie sonst noch braucht, um erfolgreich zu sein.“   

Keine Perspektive im Libanon

In Beth Aleph öffnet sich auch für Hadel (3) eine andere Welt. Das Mädchen trifft Gleichaltrige, kann mit ihnen unbeschwert lachen, spielen und herumtoben. In ihrem Zuhause ist das nicht möglich. Mit ihrer Schwester Yasmina und den Eltern bewohnt sie einen Raum, in dem zwischen Stockbett und Tisch nur ein schmaler Gang freibleibt. Das kleine Reich der vier ist auf dem Gelände der Cateringfirma für die Vater Nizar arbeitet. 400 Dollar verdient er, dafür ist er als Hausmeis-
ter praktisch rund um die Uhr im Einsatz. „Das Geld reicht nie. Die Lebensmittel sind teuer und wenn wir für die Kinder einen Arzt brauchen, müssen wir dafür beim Essen sparen.“ In seine Heimat, den Sudan, könne er aus politischen Gründen nicht zurück. Seine Frau Eskedar ist aus Äthiopien und wie so viele andere in der Hoffnung auf ein leichteres Leben im Zedernstaat gelandet. 

Wie es für ihre Familie weitergeht? Ob sie im Libanon eine Perspektive sehen? Nizar und Eskedar schütteln beide den Kopf. „Unsere Mädchen sollen doch nicht dieselben schlechten Erfahrungen wie wir machen. Am liebsten würden wir nach Australien, da ist schon ein Freund von uns.“ Aber eigentlich würden sie in jedes Land gehen, das sie aufnimmt. „Einfach überall hin, wo es besser ist als hier.“

Foto (Ingrid Burgstaller): Meskawet und ihre Tochter Dina haben sich in ihrem Zimmer so gut es geht eingerichtet. Die Mutter träumt von einem Leben „in einem sauberen Haus für Dina und mich“.