Kein Platz in der Kirche

Tief betroffen von den jüngsten Berichten über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche in den USA zeigt sich Kardinal Christoph Schönborn. 

Wien/Dublin. Zugleich gibt sich der Kardinal entschlossen: Die Kirche dürfe bei der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen und der Präventionsarbeit nicht nachlassen. Die ganze Gemeinschaft der katholischen Kirche sei gefordert, alles zu unternehmen, „damit Missbrauch keinen Platz mehr in dieser Kirche hat“. 

Beeindruckt zeigt sich Schönborn vom jüngsten Schreiben des Papstes zum Thema Missbrauch  (siehe Seite 11). Franziskus habe „Klartext gesprochen“, wie mit Missbrauch in der Kirche umzugehen sei. „Er hat den Bischöfen und allen in der Kirche damit ganz klar den Weg gewiesen.“ Es wäre höchst unfair, alle Priester unter Generalverdacht zu stellen, aber wenn ein Teil der Kirche betroffen ist, „dann können wir nicht so tun, als ginge uns das nichts an“, erklärt der Kardinal. In Österreich gehe man spätestens seit 2010 einen entschiedenen Weg der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen sowie der verstärk-ten Präventionsarbeit. Die Prämisse dabei: „Unsere erste Sorge muss den Opfern gelten. Kompromisslos.“ Alle Bischöfe, ja alle Katholiken im Land würden in dieser Frage an einem Strang ziehen, ist der Vorsitzende der Bischofskonferenz überzeugt. 

Erste Anlaufstelle für Opfer von Gewalt oder sexuellem Missbrauch in kirchlichem Kontext sind in jeder Diözese Ombudsstellen (www.ombudsstellen.at). Ein zentraler Eckpunkt der kirchlichen Bemühungen ist die 2010 österreichweit in Kraft gesetzte einheitliche Rahmenordnung „Die Wahrheit macht euch frei“ gegen Missbrauch und Gewalt. 

Bitte um Vergebung für Versagen der Kirche

Papst Franziskus hat in Irland Scham über die „abscheulichen Verbrechen“ katholischer Kleriker an Minderjährigen bekannt. Anlass der Reise war das neunte Weltfamilientreffen. Überschattet war der Besuch aber vom Missbrauchsskandal in der Kirche.

„Wir bitten um Vergebung für den Missbrauch… Wir bitten um Vergebung, wenn wir als Kirche den Überlebenden jedweder Form von Missbrauch nicht mit konkreten Taten Mitleid und Suche nach Gerechtigkeit und Wahrheit angeboten haben.“ Nicht nur mit einer großen Vergebungsbitte bei der Schlussmesse, sondern auch bei anderen Anlässen hat sich Franziskus auf seiner Irlandreise klar zu sexuellem Missbrauch, Misshandlungen und Zwangsadoptionen in katholischen Einrichtungen geäußert. Er müsse den „schweren Skandal“ anerkennen, der durch den Missbrauch Minderjähriger durch Mitglieder der Kirche verursacht worden sei, „die beauftragt waren, sie zu schützen und zu erziehen“, sagte der Papst vor Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens. Der Skandal mache zugleich bewusst, dass man jungen Menschen eine besonnene Begleitung und gesunde Werte für ihren Wachstums-
prozess anbieten müsse. Franziskus räumte ein „Versäumnis“ von Bischöfen, Ordensoberen und anderen Verantwortungsträgern ein, auf die Vergehen an Minderjährigen angemessen zu reagieren. Dies habe „zu Recht Empörung hervorgerufen“ und bleibe „eine Ursache von Leid und Scham für die katholische Gemeinschaft“. Zum Thema Aufarbeitung verwies er auf seinen Vorgänger Benedikt XVI. Dessen „freimütiges und entschlossenes Eingreifen“ sei weiterhin Ansporn, strenge Regeln zu erlassen, damit sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholten. 

Papst Franziskus hat in Irland auch Missbrauchsopfer getroffen. Überlebende der „Mother and Baby Homes“ äußerten sich anschließend zufrieden. „Er hat uns wirklich interessiert zugehört“, sagt Clodagh Malone, die in einem dieser Heime „für gefallene Mädchen“ zur Welt kam, ihrer Mutter weggenommen und im Alter von zehn Wochen zwangsadoptiert wurde. 

Ansehen der Kirche über Kindeswohl 

Zu viele Verantwortungsträger in der Kirche stellen nach Ansicht des Salzburger Theologen Hans-Joachim Sander das Ansehen ihrer Institution über den Schutz vor Missbrauch. Er appelliert deshalb an Bischöfe und andere Entscheidungsträger, die „Schweigespirale über den sexuellen Missbrauch“ zu durchbrechen und verstärkt Externe einzubinden, um Übergriffe zu verhindern. „Das bedeutet nicht zuletzt, die Fälle sofort und konsequent dem Staatsanwalt zu übergeben.“

Foto (kathbild.at/Rupprecht): Kardinal Christoph Schönborn

 

 

Kardinal Christoph Schönborn