Kern des Glaubens ernst nehmen

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.“

Bildung und Glauben im Spannungsfeld zwischen Beständigkeit und Aufbruch beleuchtet Theologe Thomas Plankensteiner, Landesschulinspektor in Tirol, beim Fortbildungstag für Pädagoginnen und Pädagogen der Katholischen Privatschulen.


RB: Ist Veränderung positiv, negativ – ein Wagnis?

Plankensteiner: Ich wage die These, dass Veränderung nichts über die Qualität aussagt.  Wie G. E. Lessing über ein Stück meinte: „Es ist sehr viel Gutes und viel Neues in diesem Buch. Aber das Gute ist nicht neu, und das Neue ist nicht gut.“ Es braucht andere Maßstäbe als Positiv oder Negativ. Veränderungen  messen sich daran, ob sich die Veränderung oder Tradition am Wesentlichen des christlichen Glaubens orientiert und ob die heutige Form einen Beitrag zum Wesentlichen leisten kann. Wie es im Neuen Testament heißt: „Prüft alles und behaltet das Gute.“ (1 Thess 5,21) 


RB: Schließt sich ändern und sich selbst treu bleiben nicht aus?

Plankensteiner: Treu bleiben im Wesentlichen des Glaubens, aber in Formen und Vermittlung ändern. Im Laufe der Zeit hat sich der Glaube mit Sprache, Riten, Strukturen und Regeln in zeitbedingte Formen gekleidet. Durch dieses Kleid dringt der Kern der Botschaft – Gleichwertigkeit aller Menschen – nicht zu den Menschen vor. Durch die griechische Philosophie und römische Kultur wurde das Frauenbild der Zeit im Glauben übernommen, eine Leib- und Sexualfeindlichkeit hat sich eingeschlichen. Die Abwertung der Frau besteht immer noch. 


RB: Wie sieht es mit Veränderung in der Kirche aus?

Plankensteiner: Das Christentum setzt Impulse: Gleichheit hat zu Partizipation, Frauenemanzipation und Demokratisierung geführt. Das ist in der profanen Gesellschaft angekommen, aber nicht in den kirchlichen Strukturen. Der Theologe Karl Rahner sprach von entlaufenen Kindern. Diese entlaufenen Kinder klopfen jetzt an: Veränderung nicht um der Veränderung willen, aber die eigenen Strukturen sollten besser abgebildet werden. Wenn die Kirche von Menschenrechten und Gleichwertigkeit spricht, aber eine andere kirchliche Körpersprache zeigt, sind die Menschen für diese Diskrepanz empfänglich. Das trübt die Glaubwürdigkeit. 


RB: Ist mit einem kirchlichen Wandel in nächster Zukunft zu rechnen?

Plankensteiner: Es soll keine Anbiederung an den Zeitgeist sein, sondern um den „Evangeliumsgeist“ gehen. Würde man das heute oder morgen machen, würde das nicht zu einer Masse an Kircheneintritten führen. Es gibt aber eine dringende moralische Notwendigkeit der Veränderung für die Glaubwürdigkeit. Das Diakonat für Frauen wäre ein erster Schritt, der aber nicht ausreicht. Nur wegen des Geschlechts diskriminiert zu werden, widerspricht dem Geist des Evangeliums. 


RB: Inwiefern gilt „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ für den Bildungsbereich?

Plankensteiner: Auch der Kern der Bildung bleibt immer der gleiche: Mehrwissende bringen Wenigerwissenden etwas bei, Wissen und Haltung werden vermittelt. Der mediale Einsatz ändert sich, an der digitalen Welt kommt man im Schulbereich nicht vorbei. Es ist eine Chance, es gibt aber auch negative Auswirkungen wie Suchtverhalten und Cybermobbing. Das alles muss Schule beleuchten.   


RB: Ist auch ein Zuviel an Veränderung möglich? Gerade im Bildungsbereich gab es in der vergangenen Zeit viele Reformen.

Plankensteiner: Es gab viele Veränderungen, wie die Einführung der Bildungsstandards, der neuen Reife- und Diplomprüfung oder der Neuen Mittelschule. Veränderungen brauchen immer  Zeit, bis sie an der Basis – in der Schule umgesetzt werden. In den vergangenen Jahren wurde zu viel zu schnell geändert. Das muss sich nun setzen. Günstig wäre es jetzt, Gelassenheit und Zeit für die Umsetzung der Veränderungen zu haben. Allerdings plant das Ministerium schon die nächsten Reformen.

Zur Person

Thomas Plankensteiner (63) studierte nach der Matura am Akademischen Gymnasium Innsbruck Theologie, Germanistik (von 1973 bis 1979) und Geschichte in Innsbruck und schloss das Studium mit dem Lehramt aus Deutsch und katholischer Religion sowie dem Doktorat aus Philosophie (Germanistik und Geschichte) ab (Promotion sub auspiciis). Bis Ende 1996 unterrichtete er am Akademischen Gymnasium Innsbruck Deutsch und Religion. Mit September 2001 wurde er zum Landesschulinspektor für AHS bestellt. In der neuen Bildungsdirektion ab 1. Jänner 2019 arbeitet er als AHS-Experte im Fachstab des Pädagogischen Dienstes.

Foto: Thomas Plankensteiner ist gern gesehener Referent, etwa beim Schultag der Herbsttagung der Ordensgemeinschaften Österreich 2017. In Kürze spricht er vor Salzburger Lehrenden.

Foto: RB/Ordensgemeinschaften Österreich/Magdalena Schauer