Kommentar zum Evangelium

Liebt einander!

Das Sonntagsevangelium lenkt den Blick zurück auf die Zeit kurz vor der Passion. In seiner Abschiedsrede stellt Jesus den Jüngern ein neues Gebot vor: „Liebt einander!“ Er sagt nicht, lebt in Armut oder haltet fromm die religiösen Gesetze, sondern er sagt: Liebt einander! An dieser Stelle schließt sich nun der Kreis zur Rede Jesu in Mt 5,17–20 „Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.“ Sämtliche bisherige Gebote werden dem Willen Gottes erst gerecht, wenn sie aus Liebe und zum Wohl des Menschen getan bzw. gehalten werden. Die Jünger aber können dieses neue Gebot Jesu nicht recht deuten. Das erstaunt allemal, denn sie müssten es besser wissen, sind sie doch mit Jesus durchs Land gezogen und haben zusammen mit ihm mitten unter den Menschen gelebt. An vielen Stellen erzählen die Evangelien, dass „Scharen von Menschen“ ihnen folgten. Menschen mit verzweifelten Gesichtern, mit verwirrten Gedanken und ebensolchen Fragen; Menschen mit kranken Körpern und tiefem seelischen Leid. Jede noch so verborgene Not brach in Jesu Gegenwart auf. Der Bildhauer Josef Zenzmaier hat eine solche Szenerie am Tabernakel der Stadtpfarrkirche St. Elisabeth
abgebildet. Fratzenhaft ausgestaltete Gesichter strecken sich nach dem aus, der das Leben ist.

Liebe ist Hinschauen

Das Gegenteil von Liebe sei der Hass, sagt der Volksmund. Tatsächlich aber ist es die Ignoranz, die Gleichgültigkeit. Jemanden ignorieren, das bedeutet sich so zu verhalten, als ob es den anderen gar nicht gäbe, so, als würde der andere gar nicht existieren. Ich schaue nicht nur nicht hin, sondern gleichsam auch durch jemanden hindurch. Jemand ist für mich wie tot. Papst Franziskus warnt vor der Gleichgültigkeit unserer Zeit, in der Menschen im wörtlichen Sinne für wertlos, ja sogar zu Müll erklärt werden, weil ihr Leben in irgendeiner Form von Schwäche gekennzeichnet ist (vgl. Evangelii gaudium, 53). Jesus ist ein durch und durch Liebender. Wo immer er auch unterwegs ist, er bleibt stehen, er schaut hin und er handelt. Die Existenzschwächsten stellt er zurück in die Mitte. 
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MMag. Elisabeth Katzdobler ist Pastoralassistentin im Pfarrverband Lammertal (Abtenau–Rußbach–Annaberg–Lungötz).