Kommentar zum Evangelium

Heiliges Schweigen

Der Evangelist Johannes erzählt die Begegnung des Auferstandenen mit einigen seiner Jünger. Und typisch für das Johannesevangelium, Jesus bleibt der Souverän der Handlungen, auch über seinen irdischen Tod hinaus. Der Auferstandene stellt sich in die Mitte der Jüngerschaft, spricht ihnen gleich zweimal den göttlichen Segensgruß – „Friede, Schalom: möge es euch gut gehen!“ Er legt ihnen seine Wundmale offen und macht die Jünger zu Trägern des Heiligen Geistes.

Und wo bleibt die Begeisterung?

Ich sitze unterm Kreuz in einer Kirche und versuche diese ungeheuer dynamische Szene nachzuspüren. Die Passivität der Jünger irritiert mich am meisten. Geistempfang ohne Gesten der Begeisterung – kein Freudentanz, kein hymnischer Lobpreis? Der Evangelist lässt nur eine einzige Reaktion der Jünger sichtbar werden, nämlich die Freude. Es heißt: „Da freuten sich die Jünger, dass sie den Herrn sahen.“ (20) Und da ist sie nun, diese österliche Freude. Der Totgeglaubte, der Vermisste: Wahrhaftig, er lebt!

Ganz innerlich und still ist sie, diese österliche Freude und doch alles Sein durchdringend, alles Sein bewegend, alles Seiende verbindend. Höchstes Glück: Gott offenbart sich dort, wo der Mensch nicht (mehr) mit ihm rechnet. Es ist, als hätte der Evangelist an dieser Stelle gleichsam den Ton ausgeschalten. Das Unfassbare also bleibt unausgesprochen.

Nach Wittgenstein ist das Schweigen das angemessenste Zeichen für all das, was nicht mit Worten zu beschreiben ist. Die Lesung aus der Apostelgeschichte fügt sich in die johanneische Ostererzählung stimmig ein. Ein ganzes Volk ist in Bewegung hin zu den Aposteln, die da ausgesandt sind, im Namen des Auferstandenen, in der Kraft des Heiligen Geistes, den Menschen Heil und Heilung zu vermitteln. Auch hier ist das tragende Moment des Geschehens die Stille. Kein lärmendes Geschrei, keine lauten Zurufe, keine Gespräche. Das Schweigen schafft Raum für den großen Gott, der da in die neue Schöpfungszeit heilsam hineinwirkt, leise und ganz anders als der Mensch es sich je auszudenken vermag.
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MMag. Elisabeth Katzdobler ist Pastoralassistentin im Pfarrverband Lammertal (Abtenau–Rußbach–Annaberg–Lungötz).