Kommentar zum Evangelium

Entscheidung eines Retters 

Wenngleich diese Erzählung nicht zum ursprünglichen Text des Johannesevangeliums gehört, bin ich dankbar, dass sie, als festgelegt wurde, was in das Neue Testament gehört, aufgenommen wurde! Denn sie gehört zu den kostbarsten Bibelstellen, weil sie einmal mehr zeigt, wie nahe Jesus dem konkreten Leben der Menschen steht.
Um das Jahr 100 n. Chr. gab es bei den gläubigen Juden die Rechtspraxis, dass Ehebruch mit Steinigung bestraft wurde (so wie heute manchmal bei den Muslimen). Nur führte man dann eine „mildere Bestrafung“ ein, nämlich Erdrosselung.
Eins wie das andere wird dem Menschen nicht gerecht. In einer Zeit, in der Patchwork-Familien bereits in weiten Teilen als „Normalfall“ angesehen werden, wo etwa 2.000 Rechtsanwälte sich mit Ehescheidungen und „Eheentgleisungen“ herumschlagen müssen, ist also dieser „Fall“, der Jesus vorgelegt wird, sehr lebensnah und die Entscheidung Jesu nicht die eines Richters, sondern die eines Retters! Es lohnt sich, darüber nachzudenken, was Jesus in den Sand geschrieben hat. Sicher nichts Belangloses, vielleicht: Barmherzigkeit, Liebe, Treue, Erbarmen, Gerechtigkeit und … Passt zu Jesus, der mit seiner Frohbotschaft ja Leben retten wollte, während andere schon Steine zum Töten in den Händen hatten. 

Die Sünde hassen, den Sünder lieben! (Augustinus)

An der Wende vom 4./5. Jahrhundert hat der heilige Augustinus es auf den Punkt gebracht: „Die Sünde hassen, den Sünder lieben!“(De civ 14,6). Um Jesus richtig zu verstehen, muss man also klar sehen: Er schätzte wie niemand sonst zu seiner Zeit den Wert der Familie, der Treue, der Ehe als lebenslange Bindung, und redet sicher nicht dem sexuellen Liberalismus das Wort. Er macht uns Menschen aber sehr nachdenklich, dass wir alle Schuld begehen, dass unser Leben anfällig und zerbrechlich ist.
Bei aller irdischen Rechtsprechung, die es geben muss, ist für Christen zu bedenken, dass Gott selbst der Richter über unser Leben ist und wir für kein Menschenleben (auch nicht das eigene) uns das Recht nehmen dürfen, es zu verurteilen und das letzte Wort zu sprechen. Ich hoffe auch für mich, dass er mir ein gnädiger Richter und Retter sein wird.
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P. Franz Lauterbacher OSB, Pfarrer in Salzburg-Mülln.