Kommentar zum Evangelium

Mehr Gesten der Versöhnung anbieten!

Das Evangelium des vierten Fastensonntags, das Gleichnis vom barmherzigen Vater, erzählt auf den ersten Blick „eine Familiengeschichte“, wie sie sich zur Zeit Jesu und auch heute vielfältig ereignet. Wie viele Mütter und Väter, Großeltern, aber auch Geschwis-ter leben in banger Sorge um die Entwicklung ihrer Lieben.
Als Seelsorger hatte ich die Aufgabe, für eine Familie die Begräbnisfeier ihrer 18-jährigen Tochter vorzubereiten. Zitternd begann ich das Trauergespräch, obwohl ich schon mehr als eintausend gehalten hatte. Mit 15 Jahren kiffte das Mädchen, wenige Tag nach dem 18. Geburtstag starb sie an den Folgen des Rauschgiftkonsums. Der Bruder hingegen feierte oft mit seinen Freund/innen – jedoch verliefen die Feste immer ohne Alkoholgenuss. Es sind mittlerweile 18 Jahre vergangen und noch immer darf ich geistlicher Begleiter dieser Familie sein: eine „verlorene Tochter“, ein Sohn, der mittlerweile eine Familie gegründet hat; und eine Mutter, die ein Buch von 300 Seiten über ihr Familienleben schreiben könnte.

"Wenn die ganze Bibel verloren ginge, und es bliebe nur dies Gleichnis übrig, so wäre alles gerettet.“
(Martin Luther)

Das Sonntagsevangelium erzählt also von einem Familiendrama, allerdings mit „Happy-End“: Der Sohn hat die Heimkehr in die liebenden Hände des Vaters geschafft! Es ist eben Evangelium, freudige Botschaft: Ein Mensch wurde durch die Liebe Gottes gerettet, die in Jesus erlebbar wurde. Das Evangelium ist darum mehr als eine Familiengeschichte, es ist die Botschaft vom barmherzigen Vater-Gott, der in seiner Gerechtigkeit Liebe ausstrahlt, wo es eigentlich eine saftige Strafe hätte geben sollen, weil der Sohn ja seinen Erbteil verludert hat.
Wenn ich nun das Evangelium durchlese, finde ich mich in allen drei Personen ein Stück weit wieder. Gehe ich mit dem, was Gott mir an „Erbteil“ geschenkt, immer sorgsam um? Ich fühle mich als Priester in der Kirche zuhause, aber ich habe Probleme mit vielen, die inner- oder außerhalb der Kirche über diese Kirche herziehen und sie nicht so nehmen wie sie ist: eben auch menschlich! Ich spüre, dass gerade wir Seelsorger Menschen sein müssen, die nicht zuerst auf das Gerechtigkeitsverständnis pochen, sondern jederzeit offene Arme haben müssen und das nicht nur in diesem außerordentlichen Jahr der Barmherzigkeit. Vielleicht auch so offen sein wie der Vater, der den Sohn auf dem Feld vor dem Hof empfängt, und in ungewohnter Weise und an sonst nicht üblichen Orten ein geistliches Gespräch und das Fest der Versöhnung anzubieten – wie etwa im Müllner Bräustübl!
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P. Franz Lauterbacher OSB, Pfarrer in Salzburg-Mülln.