Kommentar zum Evangelium

Runter vom Egotrip!

Vor kurzem hörte ich einen Markenexperten sagen: „Meine Mutter besteht zu 95 % aus schlechtem Gewissen – ich würde sagen: Das ist katholisch!“ Die Kirche schaue mit erhobenem Zeigefinger zu sehr auf das, was der Mensch falsch mache. Deshalb wäre es seiner Meinung nach an der Zeit, das Gebet „Herr, ich bin nicht würdig“ aus der Liturgie zu streichen, um mehr Selbstbestimmung zum Ausdruck zu bringen.

„Herr, ich bin nicht würdig … DU aber machst mich würdig“, so singen wir in einem alten Kirchenlied. Wir brauchen den Erlöser, denn wir sind nicht perfekt.

Die Texte zum heutigen Sonntag zeigen verschiedene Lebenseinstellungen. Da ist die Sünderin im Evangelium, die alles gibt, um dem Herrn körperlich und geistig nahe zu sein. Sie gießt Jesus das Teuerste, was es damals gab, nämlich Öl, in verschwenderischer Weise über die Füße, weil ER es wert ist. Weil sie als von der Gesellschaft Ausgeschlossene ihre gesamte Hoffnung auf Jesus setzt. Weil sie weiß, dass nur ER ihr einen Neuanfang im Leben ermöglichen kann. Im Gegensatz zu dieser Frau bleibt der Gastgeber, der Pharisäer Simon, auf Distanz zu Jesus. Hat er Vergebung und Umkehr nicht nötig?
Sogar David, der von Gott erwählte König, braucht einen Neubeginn. Schmerzlich wird ihm vom Propheten Natan vor Augen geführt, dass er zu weit gegangen ist: Er hat sich an der Frau eines Untergebenen vergangen. Die Reaktion eines modernen Davids wäre vielleicht: „Ist mir doch egal. Hauptsache, ich habe Spaß!“ Der David des Alten Testaments erkennt, dass das, was er getan hat, falsch war. Gott vergibt ihm und aus diesem Neubeginn erwächst wahre Freude.

So wie ich die katholische Kirche kennen und lieben gelernt habe, ist sie weit davon entfernt mir ein schlechtes Gewissen einzuimpfen. Aber wir können uns nicht selbst erlösen. Immer dann, wenn wir Jesus in den Sakramenten geistig und körperlich begegnen dürfen, ist auch für uns ein Neubeginn möglich. Dadurch gestärkt kann ich neu auf meine Mitmenschen zugehen. Diese so alten und doch hochaktuellen Texte der Heiligen Schrift dienen uns als Kompass, wie echte Liebe in die Welt kommen kann.
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Mag. Helene Czifra, Pastoralassistentin, derzeit in Karenz.