Lästiger Bruder, nervende Schwester

„Lästige geduldig ertragen“ ist das fünfte geistige Werk der Barmherzigkeit. Wer in Christus seinen Grund hat, kann auch den Schwachen und Lästigen tragen, ohne daran zu zerbrechen. 

P. Anselm Grün OSB

Lästig ist jemand, der uns zur Last fällt, der uns belästigt, der uns eine Last aufbürdet. Oft gebrauchen wir dieses Wort im Sinn von unangenehm. Lästig ist mir jemand, der mir unangenehm ist, der mir auf die Nerven geht mit seinem Verhalten.
Das Werk der Barmherzigkeit bedeute nicht, dass ich rein passiv alles an mir geschehen lasse und jeden Menschen, auch wenn er mir noch so lästig wird, ertrage. Vielmehr muss ich unterscheiden, was jetzt mehr dem Geist Jesu entspricht.

Jemanden zurechtweisen

Manchmal entspricht es dem Geist Jesu, dass ich den anderen zurechtweise, dass ich ihn darauf hin anspreche, dass er mir lästig fällt und mich belästigt. Ich weise den anderen darauf hin, dass er mit seinem Verhalten keine Freunde gewinnt, sondern sich selbst das Leben schwer macht. Das Ansprechen ist immer mit der Hoffnung verbunden, dass der andere sich wandeln kann und es so sich selbst und andern leichter macht.

Sich abgrenzen

Ein anderer Weg gegenüber lästigen Menschen besteht darin, sich abzugrenzen. Vor allem bei Menschen, die keine Grenzen akzeptieren, ist es wichtig, auf die eigene Grenze zu pochen und sie vor grenzenlosen Menschen zu schützen. Zumindest brauche ich dann innere Distanz zu diesen Menschen, damit ihre Last mich nicht erdrückt.

Ertragen – ein Zeichen von Stärke

Aber diese beiden Verhaltensweisen allein genügen nicht im Umgang mit lästigen Menschen. Es gibt im Zusammenleben in einer Gemeinschaft, in einer Firma, in der Familie immer auch etwas am anderen, was ich tragen muss. Ich kann die Last des anderen weder durch ein Gespräch aus der Welt schaffen, noch indem ich mich von ihm abgrenze, noch indem ich dagegen kämpfe. Der dritte Weg ist eben, den Menschen so, wie er ist, zu tragen und zu ertragen. Paulus nennt dieses Ertragen das Gesetz Christi: „Einer trage des anderen Last; so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2).
Eine Gemeinschaft kann auf Dauer nur bestehen, wenn die Einzelnen bereit sind, einander zu ertragen. Der hl. Benedikt hat das gewusst, wenn er am Ende seiner Regel den Mönchen einschärft: „Ihre körperlichen oder charakterlichen Schwächen sollen sie gegenseitig mit großer Geduld ertragen“ (RB 72,5).
Dieses Ertragen der Schwächen des anderen ist für Kassian, den Mönchsschriftsteller, dem Benedikt in vielem folgt, immer ein Zeichen von Stärke: „Wer den anderen aushält und erträgt, zeigt sich stark.“

Geduld mit Stehvermögen

Das fünfte Werk der Barmherzigkeit verlangt von uns Geduld. Das deutsche Wort Geduld kommt von „dulden“, das wiederum vom lateinischen „tolerare“ (tragen) kommt. Geduld und Ertragen gehören also zusammen. Das griechische Wort für Geduld „hypomone“ bedeutet eigentlich: darunter bleiben, aber zugleich auch: Standfestigkeit beweisen, einen Angriff abwehren. Geduld ist also nicht etwas rein Passives. Sie hat durchaus die Fähigkeit, etwas zu tragen, ohne einzuknicken. Aber sie ist auch der Widerstand gegen feindliche Kräfte. Man gibt nicht auf, sondern man kämpft geduldig. Man hält stand. Das geduldige Ertragen der Lästigen kann heißen: „Gebt denen, die euch belästigen, nicht so viel Macht. Bleibt standhaft. Zeigt Stehvermögen. Fallt nicht um! Bleibt bei euch. Lasst euch nicht verbiegen. Der lästige Bruder, die nervende Schwester dürfen so sein, wie sie sind. Aber lass dich von ihnen nicht bestimmen. Steh zu ihnen. Aber trage nicht ihre ganze Last. Denn die müssen sie selbst tragen. Trage sie mit, damit sie in der Gemeinschaft ihren Platz haben. Aber lass die Gemeinschaft nicht von ihnen bestimmt werden. Das würde sie nur erdrücken. Wenn du in Chris-tus deinen Grund, dein Fundament hast, dann kannst du auch die Schwachen und Lästigen tragen, ohne daran zu zerbrechen.“

Die Last des anderen kann man mittragen – aber nicht auf sich bürden. Foto: Fotalia/Robert Kneschk