Leben in der Pfarre (1) – Kirche will wachsen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Pfarren schenken der Allgemeinheit Zeit und Engagement. Wie es gelingt, fünf Jahre lang und für viele natürlich auch länger, die Flamme der Begeisterung zu schützen, am Brennen zu halten, weiß Dr. Sebastian Schneider, Gemeindeberater und -entwickler sowie Abteilungsleiter im Seelsorgeamt der Erzdiözese. Er selbst ist in seiner Heimatpfarre Niederalm engagiert und weiß, Theorie und Praxis kreativ zu verbinden.

RB: Sie haben vergangenen  Freitag, 16.00 Uhr, bis Samstag, 16.00 Uhr, mit einer Pfarrgruppe gearbeitet. Das ist eine lange Zeit, es ist für die Ehrenamtlichen ein enormer Zeiteinsatz im Ehrenamt. Wie schaffen die Menschen das?

Sebastian Schneider: Ich durfte 14 Menschen, davon auch Jugendliche, auf ihrer Klausur begleiten, die über ein gutes Miteinander reflektierten, darüber diskutierten, welche Wege sie gemeinsam beschreiten wollen. Wenn die Begeisterung stimmt, dann ist der Zeitfaktor ziemlich lange sekundär. 

RB: Hier eine Klausur, dort ein Lernatelier und an einem anderen Ort eine interessante Fortbildung: So füllen sich die Kalender der Ehrenamtlichen. Das ist viel Verantwortung für die Ehrenamtlichen, wie gehen Sie damit um? 

Schneider: Da sehe ich sowohl den Zeit- als auch den Sinnfaktor. Menschen sind bereit, sich für eine Sache zu engagieren, wenn der Sinnfaktor für sie greifbar ist. Ehrenamtliche stellen sich – mit Recht – die Frage: Was erreichen wir? Wie lautet unser Ziel? Welche Schritte müssen wir setzen, um erfolgreich unsere Projekte umzusetzen? Wenn diese Vorgaben erfüllt sind, gelingt es als Gruppe lustvoll und effizient zu agieren: Dort, wo wir im Tun Erfüllung finden, achten wir weniger auf die Zeit. 

RB: Das Seelsorgeamt hat gemeinsam mit Pfarren und Dekanaten das Format „Offener Himmel“ umgesetzt. Das Programm ist vom sehr großen Engagement der Ehrenamtlichen getragen. Ist der „Offene Himmel“ ein Vorzeigeprojekt im Sinne von Sinnerfüllung?

Schneider: Im heurigen Herbst hat der Pfarrverband Zell am See dieses Format mit seinen ganz eigenen Inhalten gefüllt. Ich durfte den entsprechenden Prozess begleiten, erlebte unterschiedliche Stufen, von den ersten Ideen bis zu den konkreten Zielen. Klar war immer, dass das Motto gilt „Wenn wir das wollen, dann schaffen wir das auch!“ So hat sich diese Projektgruppe gegenseitig gestärkt und sich selbst beschenkt. Das Engagement war großartig, die Kreativität faszinierend und das leisten Menschen, wenn sie Sinn in ihrem Tun erkennen.

RB: Nun gibt es im Alltag der Pfarre herausragende Projekte, Ideen und den ganz normalen Alltag, den Blumenschmuck zu gestalten, die Kirche zu reinigen etc. Hier ist ja der Ablauf vorgegeben, das Alltägliche zu meistern, erscheint häufig unspektakulär. Wenn wir von den mittleren und großen Projekten hin zum Alltag schauen: Wie gelingt es, hier Freude und Begeisterung zu wecken bzw. zu erhalten? 

Schneider: Sowohl der Blumenschmuck in der Kirche als auch der ehrenamtliche Reinigungsdienst werden sehr wohl von der Pfarrgemeinde gesehen, wahrgenommen und ich hoffe, auch bedankt. Da gibt es Mitarbeitende, die eine große Freude am Gestalten haben. Die Festlegungen sind freiwillig und diese Freiwilligkeit inkludiert ja genauso das ehrliche „Ja“ wie das ehrliche „Nein, nicht mehr!“ Ehrenamt darf dabei nicht zum Zwang werden. Es braucht den Freiraum der Entscheidung bei aller übernommenen Verantwortung.


RB: Ich bin da.für – so lautete das Motto für die Pfarrgemeinderatswahl 2017. Im Jahr 2022 wählen die Christinnen und Christen in ganz Österreich wieder den Pfarrgemeinderat. Haben Sie Sorge, ob sich dann noch genügend Kandidatinnen und Kandidaten finden?

Schneider: Ich bin da schon hoffnungsvoll, denn ich erlebe seit vielen Jahren Menschen, die sich für konkrete Projekte engagieren. Das wird sich auch bis 2022 nicht ändern: Vielleicht müssen die Vorhaben konkreter und überschaubarer werden, aber die Bereitschaft, in der Kirche und im Pfarrgemeinderat mitzuarbeiten, ist deutlich vorhanden. Wir alle müssen auf die Effektivität der Handlungen achten, die Jugend auf Augenhöhe ansprechen und beteiligen. Eine Kirche, die auch die Reibung nicht scheut, kann und wird wachsen. 

Foto (Erzdiözese): Sebastian Schneider ist überzeugt: „Ehrenamt darf nicht zum Zwang werden. Es braucht den Freiraum der Entscheidung bei aller übernommenen Verantwortung.“ So könne es gelingen fünf Jahre oder auch länger die Flamme der Begeisterung zu schützen.

Der Sinnfaktor  steht im Ehrenamt im Vordergrund. Das betont Sebastian Schneider. Der Abteilungsleiter im Seelsorgeamt steht am Beginn einer „Interview-Serie“ im Rupertusblatt rund um die Themen Zeitmanagement, Lebenswenden, Musik, Kommunikation und Konflikte, Kirche und Gesellschaft sowie Willkommensatmospäre. Alles Inhalte, die auch in einer Pfarre und im Pfarrgemeinderat präsent sind. 

Tipp: Eine Liste mit den ehrenamtlichen Mitgliedern der Pfarrgemeinderäte in der Erzdiözese Salzburg finden Sie unter www.kirchen.net/pfarrgemeinderat/aktuelles