Leben in der Pfarre (6) – 3,1 Millionen Stunden Ehrenamt

Pfarren leben die Botschaft „Ich bin da“. Kurz vor Weihnachten wollte Klaudia Achleitner eine Karte kaufen. Sie sollte die Menschwerdung, die Geburt Christi thematisieren. Sie fand schöne Karten mit viel Glitzer und vielen Sternen, aber ohne die zentrale Botschaft. „Da ist keine böse Absicht dahinter, vielmehr erkenne ich darin, dass die Zuständigen die Kernbotschaft von Weihnachten aus den Augen, aus dem Bewusstsein verloren haben.“  Als Referentin für Pfarrgemeinderäte setzt sie auf Begegnung, Dialog und die Beschäftigung mit christlichen Botschaften.

 

 

RB: „Ich bin da.für.“ – Können Sie das (PGR-Wahl)-Motto noch hören? Wo ist es bereits Wirklichkeit geworden?

Klaudia Achleitner: „Ich bin da“ hat ganz viel mit Beziehung zu tun. Mit „Ich bin da“ hat sich Gott bei Mose vorgestellt. Gott ist da, schon bevor die Menschen da waren. Gott bietet uns Beziehung an, zu der wir nur noch ja zu sagen brauchen. Wir brauchen keinen besonderen Ort, um Gott zu treffen. Gott begleitet uns auf all unseren Wegen – mit der Zusage: Ich bin da. Mit der Geburt Christi steigert sich dieses Beziehungsangebot noch einmal mehr – Gott wird Mensch in der Person Jesu. Zu Weihnachten erinnern wir uns dieser Menschwerdung und feiern sie jedes Jahr.

In den Pfarrgemeinderäten der Erzdiözese Salzburg arbeiten 3.000 Menschen, davon sind über 2.000 gewählte Mitglieder. Und wenn man davon ausgeht, dass pro gewähltem Mitglied noch rund 10 Ehrenamtliche je Pfarre dazukommen, dann haben wir in der Erzdiözese Salzburg an die 20.000 Menschen, die sich ehrenamtlich für die Menschen ihrer Pfarre einsetzen. Wenn Sie das in Stunden hochrechnen wollen, dann sind das drei Wochenstunden pro Person – 60.000 Stunden pro Woche mal 52. 3,1 Millionen Stunden, die ehrenamtlich pro Jahr geleis-tet werden. All diese Menschen sagen: Ich bin da, für die Anliegen, Sorgen, Ängste und Freuden ihrer Mitmenschen. Ich finde es großartig, dass so viele bereit sind ihre Zeit und Energie einzusetzen.

RB: Wenn eine Pfarre die Menschen willkommen heißen will, welche Signale soll und kann sie dazu setzen? 

Achleitner: Willkommen fühle ich mich dort, wo sich jemand für mich interessiert, mir zuhört. Wo ich mich ernstgenommen fühle. Ich möchte mich nicht verbiegen müssen, um dazuzugehören. Willkommen fängt schon bei den Öffnungszeiten des Pfarrbüros an. Ich möchte mir nicht Urlaub nehmen müssen, damit ich am Vormittag zwischen 9.00 und 11.00 Uhr meine Angelegenheiten im Pfarrbüro regeln kann. Das Gleiche gilt, wenn die Sprech-
stunde des Pfarrers am Donnerstag von 9.00 bis 10.30 Uhr stattfindet. Willkommen heißt auch als Bewohnerin des Ortes wahrgenommen zu werden, nicht nur wenn Geld gesammelt wird. Das passende Stichwort dazu: Geh hin Pastoral statt Komm her Pastoral.

RB: Häufig entsteht der Eindruck, die Pfarre kümmere sich nur um ihren engsten Kern, die Engagierten, die, die schon immer dabei waren. Ist der Eindruck falsch? Wenn ja, wie kann man ihn ändern?

Achleitner: Kirche und Gesellschaft waren immer eng miteinander verwoben mit allen Vor- und Nachteilen. Heutzutage entsteht fast der Eindruck, als ob sich mehrere Parallelgesellschaften entwickelt hätten, wo die eine von den anderen jeweils verlangt, sich ihr anzupassen. Dabei geht es um das neugierige Gespräch miteinander – was können wir voneinander lernen, was können wir miteinander bewirken? Es gibt immer noch welche, die meinen, die Kirche müsse vor der Zivilgesellschaft geschützt werden, statt „geht und verkündet das Evangelium“ und umgekehrt welche, die meinen, die Zivilgesellschaft müsse vor der Kirche beschützt werden. Der angstfreie Dialog miteinander, wo niemand befürchten muss, dass einem etwas weggenommen wird, eröffnet Perspektiven, verändert Sichtweisen und lässt einen ins Tun kommen. Ständige Strukturdebatten entstehen dort, wo die Inhalte verloren gegangen sind.

RB: Willkommen zu sein, zeigt sich zumeist in kleinen Gesten. Bekannterweise besuchen am Heiligen Abend auch sehr viele Menschen, die kein Naheverhältnis zur Kirche haben, die Mette? Welche Zeichen bräuchte es da?

Achleitner: Das fängt schon bei der Wortwahl an. Wenn in so einem Fall bei der Begrüßung gesagt wird: „Ich freue mich über alle, die da sind, besonders über die, die ich sonst nicht sehe“, dann überlege ich mir, ob ich noch einmal kommen werde. Mit diesen Vorwürfen kommen wir nicht weiter. Hier gilt der Perspektivenwechsel – von denen her zu denken, die nicht (immer) hier sind: wie schauen sie auf Kirche?

Foto: Klaudia Achleitner leitet das Pfarrgemeinderatsreferat im Seelsorgeamt der Erzdiözese. Sie findet es großartig, wie viele Ehrenamtliche in den Pfarren bereit sind, ihre Zeit und Energie einzusetzen. Sie ist auch überzeugt: Willkommen fühle ich mich dort, wo sich jemand für mich interessiert.