Leben (mit)gestalten

St. Virgil hat seit Monatsbeginn einen neuen Direktor: Jakob Reichenberger. Wie sein Vorgänger Peter Braun möchte er am Dialog als Kernthema des Hauses festhalten. Welche weiteren Akzente er im Blick hat und dass Bildung ein ganz „wesentlicher Bereich von Kirche“ ist, unterstreicht Reichenberger im Rupertusblatt-Gespräch.

RB: Wie verlief die Umstellung vom Studienleiter zum Direktor? Was hat sich verändert? 

Reichenberger: Die Herausforderung ist, für alles verantwortlich zu sein. Die Zeit konzentriert am Schreibtisch zu arbeiten, ist oft einmal unterbrochen, weil Dinge zu klären sind. Natürlich ist es für das ganze Haus ein Schnitt, wenn so eine charismatische Person wie Peter Braun in Pension geht. Er hat viele Spuren gelegt, an denen wir festhalten. Dann gibt es Entwicklungen, die wir teilweise noch nicht kennen. Darauf müssen wir reagieren und unseren eigenen Weg gehen. Das ist das Spannende und darauf freue ich mich.  

RB: Was beschäftigt die Erwachsenenbildungsszene gerade, was sind die zentralen Fragen? 

Reichenberger: Wir unterscheiden in der Erwachsenenbildung zwischen der allgemeinen und der beruflichen Weiterbildung. St. Virgil macht beides. Die Frage ist immer, was motiviert Menschen, sich in Bildungsprozesse hineinzubegeben? Welche Bildungsformate braucht es in Zeiten des Internets, damit Leute noch an Orte kommen, wo sie sich mit anderen austauschen, voneinander lernen und ermutigen? Gleichzeitig ist Erwachsenenbildung politisch schon immer ein Stiefkind. Dabei bräuchte es gerade jetzt Akzente. Ich nenne nur die Stichworte Klimawandel, Migrationsströme und die Polarisierung der Gesellschaft. Wenn wir das nicht bildungstechnisch begleiten, fehlen uns irgendwann die Zugänge zu den Menschen und die Menschen können nicht mehr an der Gesellschaft teilhaben. Umso wichtiger ist es, dass Kirche sich positioniert und sagt: Wir gestalten mit. Im Bundesland Salzburg haben wir ein gutes Klima in der Zusammenarbeit mit der Politik. Es wäre schön, wenn das auf Bundesebene ebenfalls gelingt, weil die Themen häufig in der Verantwortung des Bundes sind.

RB: St. Virgil ist ein kirchliches Bildungszent-rum. Was bedeutet das in der Praxis?

Reichenberger: Wir sind klar eine Einrichtung in der Trägerschaft der Diözese. St. Virgil zeigt, dass Bildung einen wichtigen Stellenwert in der Diözese und in der Kirche hat. Wir gehen wie Papst Franziskus fordert, an die Ränder. Das tun wir zwar nicht direkt, aber wir versuchen, mit Bildungsarbeit die Menschen zu unterstützen. Wir nehmen uns dabei auch Themen an, die nicht populär sind und wir sprechen Milieus an, die Kirche sonst nicht mehr erreicht. Das sind Menschen, die zwar keine Kircheninsider sind, aber sich dem christlichen Menschenbild verpflichtet wissen, denen nicht egal ist, wo sich die Gesellschaft hin bewegt und die etwas bewegen möchten.  

RB: Zu  Ihrem „Amtsantritt“ haben Sie gesagt, Sie möchten Experimentierräume öffnen und Initiativen fördern. Was heißt das?

Reichenberger: Wir brauchen Pioniere und Pionierinnen, die im Kleinen „testen“ was uns weiterbringt. Wir haben einen Lehrgang entwickelt der heißt „beteiligen. gestalten“. Da bilden wir Leute aus, die das Handwerkszeug bekommen, in ihrem Umfeld Initiativen zu starten, sich zu vernetzen, Prozesse zu initiieren und etwas umzusetzen. Bildung findet immer stärker in sozialen Bewegungen statt, nicht nur mehr im Seminarraum. Eine Absolventin eines anderen Kurses engagiert sich heute zum Beispiel in Sachen „Zero Waste“ (kein Müll) und lädt zu Salonabenden ein. Ein weiterer Bereich, den wir fördern möchten, ist die psychosoziale Basisbildung. Wir merken, dass Menschen heute schneller aus der Bahn geworfen werden und Burnout zunimmt. Deshalb überlegen wir, wie kann Erwachsenenbildung diesem Phänomen vorbeugen? Können wir Menschen resistenter machen, damit sie bei Krisen nicht gleich aus dem System kippen? Gemeinsam mit fünf europäischen Partnern haben wir gerade ein EU-Projekt eingereicht. Geht das durch, folgt die Ausarbeitung konkreter Bildungsformate.  

RB: Wie soll St. Virgil in fünf Jahren dastehen?

Reichenberger: Es soll außer Diskussion sein, dass St. Virgil mit dem was es tut, ein wesentlicher Teil von Kirche ist. In der Bildungslandschaft wünsche ich mir, dass wir weiter einer der Player sind, der für Innovation und Dialog steht. Mit dem Umbau des Sebastian-Ritter-Saals müssen wir ein Mega-Projekt stemmen. Ist das fertig, sind wir wieder gut auf Schiene.

Foto: virgil/rupert mühlbacher