Luthers Denken war mittelalterlich

Luthers Theologie greift Ideen des Mittelalters auf, insbesondere von der spätmittelalterlichen Mystik war der Reformator stark beeinflusst. Das hat der Salzburger Ökumene-Experte Josef Außermair bei einerTagung des Malteser-Ritterordens dargelegt.

 

 

St. Florian. Kein Thesenanschlag zu Wittenberg, kein plötzliches „Turmerlebnis“ Martin Luthers, kein klarer Bruch mit dem Mittelalter. Vieles hat nicht oder nicht so stattgefunden, wie es gerade rund um das 500-Jahr-Jubiläum der Reformation immer wieder gerne weitertradiert wurde. Wird Luther konsequent aus seinem spätmittelalterlichen Umfeld betrachtet, können überraschende Er-
kenntnisse gewonnen und einige „Luther-Mythen“ aufgedeckt werden, legte Aussermair bei der Ordenstagung des Malteser Ritterordens im Augustiner-Chorherrenstift St. Florian (O.Ö.) dar.

Luther müsse konsequent aus seinem spätmittelalterlichen Umfeld heraus betrachtet werden, so der Ansatz des Salzburger Theologen. Er wies vor allem auf die mystischen Wurzeln des Reformators hin, die nur allzu oft vergessen oder gar verdrängt würden, wie er kritisch anmerkte.

Am Anfang von Luthers Werk seien nicht seine 95 Thesen ge-standen, sondern sein Ordens-oberer, Beichtvater, Lehrer und väterlicher Freund Johann von Staupitz (1465–1524). Schon bei Staupitz sei der junge Luther dem reformatorischen Kerngedanken begegnet, dass der Mensch zu seinem Heil nichts Eigenes beitragen kann: „Und umbsünst ist er dir geben die genad. Du gib auch umbsünst, was dir got umbsünst geben hat!“, zitierte Außermair Staupitz, der 1524 im Salzburger Stift St. Peter verstarb.

Man müsse deshalb bei Luther von einer allmählichen Entwicklung und nicht von einem plötzlichen „Durchbruch“ sprechen, so Außermair, der weiters auf den Dominikanermönch Johannes Tauler (ca. 1300–1361) hinwies. Es zeige sich, dass bei der Lektüre von Johannes Tauler bereits die Grundmelodie von Luthers späterer Rechtfertigungslehre zu finden sei: dass der Mensch ganz und gar auf Gott angewiesen ist. Außermair: „Diese Erkenntnis kam nicht plötzlich, sie stand auch nicht im Gegensatz zum Mittelalter, sondern entstand aus dem Geist der Mystik, wie sie Luther in den Predigten Taulers kennenlernte.“ 

Im Schrifttum Luthers findet sich immer wieder seine Erwähnung, dass er etwas Neues entdeckt habe. Ein weiteres Beispiel für seine Verankerung in der spätmittelalterlichen Mystik waren Fragmente eines geistlichen Büchleins, das Luther ungemein schätzte, neu herausgab und mit dem neuen Titel „Theologia deutsch“ versah.

Vor der Versendung seiner 95 Thesen ist Martin Luther hauptsächlich mit der Bußthematik beschäftigt, indem er als erste selbständige Veröffentlichung die „Sieben Bußpsalmen“ und ein „Sermon von der Betrachtung des heiligen Leidens Christi“ herausgab. 

Aber sein Bekehrungserlebnis ist laut Prof. Außermair nicht ohne Parallelen. Eine Parallele sei etwa der spätere Kardinal Gasparo Contarini (1483-1542), im selben Jahr wie Luther geboren. Außermair: „Luther wie Contarini ringen um das Verständnis der Buße, beiden wird durch ihren Beichtvater ein neuer Weg zum Heil aufgewiesen, beide erleben es als durchgreifende Entdeckung, bei beiden geht es um Gottes Handeln anstelle des menschlichen Tuns. Die Bußwerke der Glaubenden reichen niemals aus, die Gerechtigkeit Gottes zu erlangen.“

kap

Bildtext: Martin Luther. Von Atelier/Werkstatt von Lucas Cranach der Ältere

 

 

XPH308462 Luther as Professor, 1529 (oil on panel) by Cranach, Lucas, the Elder (1472-1553); Schlossmuseum, Weimar, Germany; (add.info.: Luther als Professor; Martin Luther (1483-1546);); German, out of copyright