Miteinander leben

Bildung. „Ich habe die Bomben gehört.“ Rafi kommt aus Syrien, genauso wie Miryam und ihre kleine Schwes-ter Christina. Lachen und lernen können sie erst wieder, seit sie in der Schule St. Vinzenz in Broumana ein zweites Zuhause gefunden haben. Daniel hat sogar schon eine konkrete Berufsvorstellung: „Ich will in einer Bank arbeiten.“  

Broumana/Baskinta. Die katholische Privatschule St. Vinzenz in Broumana nahm immer schon Kinder aus sozial bedürftigen und aus muslimischen Familien auf. Seit einigen Jahren vermehrt syrische Mädchen und Buben. „Wenn die Kinder die Zeit in St. Vinzenz in guter Erinnerung behalten, ist das doch das Beste was wir zum Miteinander der Religionen beitragen können, besser als jeder Religionsunterricht“, ist Sr. Zahia Frangié überzeugt. Internatsleiterin Marie Ghiya pflichtet ihr bei: „Wir akzeptieren, respektieren und mögen den anderen, weil er unser Freund ist, nicht weil er Muslim oder Christ ist.“ Diese Werte vermitteln sei genauso wichtig wie Mathematikunterricht. 

In der Gemeinschaft von 357 SchülerInnen sind die 115 syrischen Flüchtlingskinder nicht auszumachen. Sie sind gut integriert. Das sei nicht von selber gekommen, habe Überzeugungsarbeit bei Eltern und Lehrern gebraucht, wie Marie und Sr. Zahia nicht verschweigen. Broumana, das sei christliches Kernland. Zudem seien die Syrer noch als Besatzungsmacht in Erinnerung. „Die Kinder sind Opfer. Sie sollen nicht den Preis für die syrisch-libanesische Vergangenheit zahlen müssen“, unterstreicht die Ordensschwester und ist froh, dass heute alle Vorurteile ausgeräumt sind. Die Lernbereitschaft der syrischen SchülerInnen und ihre guten Noten hätten das ihre dazu beigetragen. „Sie hängen förmlich an meinen Lippen“, berichtet eine Lehrerin.  

Zuwendung und bestmögliche Bildung

Damit die Flüchtlingskinder schnell auf das Niveau ihrer libanesischen KlassenkollegInnen kommen, ist am Nachmittag Nachhilfe angesagt. „Und da viele aufgrund ihrer Flucht- und Kriegserlebnisse traumatisiert sind, werden sie von einer Psychologin betreut“, erzählt die Internatsleiterin, die auch weiß, was es noch braucht, „um ihnen ein Leben in Würde zu ermöglichen“. Zuwendung und Nahrung für die knurrenden Mägen. „Die meisten Eltern sind nicht in der Lage ihre Kinder ausreichend zu ernähren. Bei uns bekommen sie ein warmes Mittagessen und eine Jause am Vor- und Nachmittag.“ 

Ähnlich wie in Broumana läuft es bei den Schwestern von Besançon in Baskinta. Ihre Schule heißt ebenfalls St. Vinzenz. Unter den 420 SchülerInnen und 50 im Internat sind immer mehr syrische Mädchen. Beide Standorte werden von der Caritas Salzburg unterstützt. „Das ist überlebenswichtig für uns. Die staatlichen Zuschüsse sind gering und kommen meist mit großer Verspätung an“, danken Sr. Zahia in Broumana und Sr. Mona in Baskinta für die Hilfe aus Salzburg.

Fotos (Ingrid Burgstaller): Miryam und ihre Schwester Christina stammen aus dem syrischen Homs. In St. Vinzenz können sie die schlimmen Kriegserlebnisse verarbeiten und wieder Kinder sein, die lachen und lernen dürfen.

 

Hintergrund:

„Dauert die Krise an, droht der Kollaps“

„Ist jemand hungrig, geben wir ihm zu essen. Hat jemand Durst, reichen wir ihm ein Glas Wasser. Das ist unsere Kultur. Wir sind ein gastfreundliches Volk“, betont Paul Karam. Er ist Caritas-Präsident im Libanon, jenem kleinen Nahost-Staat, der in Relation zur eigenen Bevölkerung mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen als jedes andere Land. Was das heißt weiß Karam wie kein anderer und erklärt: „Dauert die Krise noch länger an, droht der Kollaps.“ Karam spricht auch vom fragilen Machtgefüge im Land, das durch den Syrienkrieg noch mehr auf die Probe gestellt sei. Der Konfessionsproporz bildet seit der Unabhängigkeit 1943 die Grundlage des politischen Systems. Der Posten des Präsidenten ist traditionell einem maronitischen Christen vorbehalten, der des Ministerpräsidenten einem Sunniten. Parlamentspräsident ist ein Schiit und Oberbefehlshaber der Armee ein Christ. Zweieinhalb Jahre dauerte zuletzt das Ringen um das Präsidentenamt. Das hieß: Politisches Vakuum in einer Zeit der Notlage, Flüchtlingswelle und taumelnden Wirtschaft. 

Die Caritas kämpft tagtäglich mit den Konsequenzen, der steigenden Armut unter den Flüchtlingen wie unter der heimischen Bevölkerung „Die Libanesen sind frustriert. Sie fragen: Und wer hilft mir? 40 Prozent sind ohne Job.“ Deshalb kommen die Angebote der Caritas stets auch den armen libanesischen Familien zugute. „Es ist eine Herausforderung und Drahtseilakt“, so Caritas-Präsident Paul Karam, der noch unterstreicht: „Die Menschen sind müde, sie haben genug von all den Kriegen in ihrer Region. Sie wollen nur in Frieden leben.“